Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Pripjat. Foto: WIKIMEDIA Common_VISEM


Halbwertzeit der Erinnerung

Zu Andrej Krementschouks Fotozyklus „Chernobyl Zone II“

Die Halbwertzeit unserer Erinnerung an Katastrophen wie Tschernobyl
beträgt ein Bruchteil der Halbwertzeit jener radioaktiven Isotope,
welche bei der Reaktorexplosion am 26. April 1986 freigesetzt wurden.*


Seit Fotografien unsere Vorstellung von der Welt maßgeblich prägen, haben immer wieder einzelne Bilder den Rang von Ikonen erlangt. Solche Momentaufnahmen, in denen blitzhaft das Wesen ganzer historischer Zusammenhänge aufscheint, können der Nachwelt gewissermaßen Sinnbotschaften übermitteln – etwa Robert Capas „Tod eines republikanischen Soldaten“, Jewgeni Chaldejs erstarrte Moskauer Straßenpassanten am Tag des deutschen Überfalls 1941, oder auch Willy Brandts berühmter Kniefall 1970 vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos. Zu solchen „Welt-Bildern“ des 20. Jahrhunderts gehört auch ein Motiv aus dem ukrainischen Pripjat: Eine junge Birke, die zwischen zerschlagenen Bodenfliesen emporwächst, mitten in einem kahlen Raum, der keine Fensterscheiben mehr hat. Schauplatz ist eine vielstöckige Ruine, die offenbar nicht durch äußere Gewalteinwirkung zustande kam, sondern von ihren Bewohnern fluchtartig verlassen wurde. Nicht einmal Hocker und Stühle haben sie noch beiseite geräumt, ein infernalischer Dornröschenschlaf, der schon so lange dauert, dass Bäume die Hochhäuser zurückerobern konnten. Eine verstörende Szenerie: Der Planet wieder ohne uns.

Schöne neue Welt
„Die Region an der Grenze zwischen der Ukraine und Weißrussland zählt zu den schönsten Gegenden Europas. Entlang des sich langsam durch das weite Land wälzenden Flusses Pripjat wachsen riesige Waldgebiete in den Himmel, an manchen Stellen durchzogen von geheimnisvollen Sümpfen. Das milde Klima und die unberührte Natur haben diesen Flecken Erde zu einem beliebten Naherholungsgebiet für die Einwohner der Stadt Kiew gemacht, die rund hundert Kilometer weiter im Süden liegt. Der Pripjat ist ein fischreicher Fluss, an manchen Stellen gibt es sogar feine, weiße Sandstrände – ein Paradies für Sonnenhungrige und Angler.“

Mitten hinein in diese liebenswerte Landschaft wurde ab 1970 das Atomkraftwerk Tschernobyl gesetzt, und in allernächster Nähe bekamen dessen Beschäftigte eine eigene Stadt. Wohnungen für fast 50 000 Menschen entstanden, für insgesamt 80 000 wurde geplant. Pripjat, das ursprünglich Atomograd heißen sollte, ragte über den Durchschnitt sowjetischer Industrie-Neustädte sichtlich hinaus. Zwar regierten auch hier die Standards der Städtebau-Moderne: Die Wohnquartale waren von breiten Boulevards durchzogen, die Wohnungen auf fünf- und achtgeschossige Plattenbauzeilen verteilt, an markanten Kreuzungen wuchsen Punkthochhäuser empor. Aber selbst heute, im Panorama der Ruinen, ist eine besondere Sorgfalt für die städtischen Räume noch zu spüren. Noch aus entfernteren Städten und Dörfern kamen Leute, um sich in den besser versorgten Läden Pripjats einzudecken. Auch für Kultur und Freizeit war das Angebot vorbildlich, dem hohen Bildungsgrad der Kerntechniker angemessen. Der überwiegend jungen Einwohnerschaft (das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren) standen ein Kulturpalast, ein Theater, ein Kino, zwanzig Schulkomplexe und weiterführende Bildungseinrichtungen zur Verfügung, dazu das recht ansehnliche Hotel „Polessje“, ein Schwimm- und Sportzentrum, zwei Stadien. Nur der Vergnügungspark fehlte noch, seine Eröffnung war zur Feier des 1. Mai 1986 geplant. Vier Tage vorher kam es zur Katastrophe. Nun verrottet ein trauriges Riesenrad, das niemals seinen Dienst aufnahm, zum makabren Wahrzeichen des verfluchten Ortes.

Allerdings – mit Flüchen halten sich ehemalige Pripjatnitzi heute bemerkenswert zurück. Wenn sie Fremden, viel lieber aber noch untereinander, von damals erzählen, wird von der Blütenpracht im Stadtbild geschwärmt. Die Leute sprechen beinahe von nichts anderem. Gepflegte Rabatten an Straßen und Plätzen – Inbegriff geordneter Verhältnisse, die sie heute vermissen. Man sollte die Bewohner Pripjats als moderne Menschen bezeichnen, oder besser noch: als in der Moderne angekommene Menschen. Die Fraglosigkeit, mit der sie sich auf Atomstrom als Arbeits-, ja Lebensaufgabe einließen, war vom herrschenden Zeitgeist gedeckt: Im Dienste der strahlenden Energie waren sie Privilegierte, der Zukunft besonders nahe. Die klaren Linien ihrer Reißbrettstadt passten dazu.

Der rasante Aufschwung der Region und ihre jähe Verdammnis wurden zum Menetekel des enthusiastischen Fortschrittsglaubens. Die aus ihm mit Gewalt vertrieben wurden, stürzten ins Bodenlose. „Wir wissen nicht, wie wir dieses ganze Grauen deuten sollen“, so ein Zeuge der Ereignisse, „Tschernobyl ist weder mit unserer menschlichen Erfahrung noch mit unserer menschlichen Zeit zu messen…“ Und der so perfekt eingerichteten Welt ging es nicht anders: Sie fiel in albtraumhafte Erstarrung. „Eine Stadt nach einem Erdbeben schaut verwüsteter aus als die von außen wohnlich scheinenden Ruinen von Pripjat, wo der Verfall in Zeitlupe stattfindet.“ Juri Stscherbak, einer der ersten und wichtigsten Chronisten der Katastrophe, scheut nicht den biblischen Vergleich: „So wie die Zone muss die Hölle aussehen. Keine wirklich schreckliche Welt, vielmehr ein Paradies wie die Pripjat-Ebene, deren Schönheit kein Mensch mehr genießen kann, will er dieses Vergnügen nicht mit dem Leben bezahlen. Ihre Schönheit ist nun unberührbar, der Mensch hat sich selbst aus dieser Oase vertrieben.“ Mit der Stadtarchitektin Prozenko fuhr Stscherbak noch einmal an ihre alte Wirkungsstätte: „Maria, die eine Menge Kraft und Talent in die Ausgestaltung ihrer Heimatstadt eingebracht hatte, musste dann eigenhändig den Plan der Stacheldrahtabsperrungen für Pripjat zeichnen.“

Erinnerungen. Abenteuerland
Nach Auskunft des Internet-Lexikons Wikipedia verfügt Pripjat über eine Postleitzahl, eine Telefonvorwahl und sogar über einen Bürgermeister (mit Dienstsitz in Kiew); nur hinter der Einwohnerzahl steht eine Null. Dieser groteske Steckbrief beschreibt allerdings nicht die ganze Wahrheit. Denn auch nach dem Auszug ihrer gesamten Einwohnerschaft existiert die Stadt auf seltsame Art weiter.

Zuerst einmal sind, allen Kontrollposten zum Trotz, erstaunlich viele Menschen auf den rissigen Betonstraßen zumindest des Stadtzentrums unterwegs. Man trifft auf Wissenschaftler, Filmemacher, Sicherheitspersonal, in letzter Zeit immer häufiger auch auf Touristengruppen, die sich für ansehnliches Geld einen Kurztrip ins eigentlich verbotene Areal leisten. Anders als hinter der Grenze, im südlichen Belarus, gibt es in der Ukraine inzwischen viele, die an der „Zone“ kräftig verdienen. Was vor Jahren noch als Geheimtipp für Abenteuersüchtige geflüstert wurde, lässt sich inzwischen zu Pauschalpreisen im Internet buchen. In Kiew wird ganz unverblümt vom Tschernobyl-Tourismus als kommendem Wirtschaftsfaktor geredet. Dann existiert Pripjat als virtuelle Community. Unter dem Internetportal www.pripyat.com versammeln sich Neugierige, Geschäftemacher, echte und selbsternannte Experten. Wie einst in der Lokalzeitung werden Neuigkeiten ausgetauscht, internationale Gutachten kommentiert, aktuelle Bücher zum Tschernobyl-Thema empfohlen. Man erfährt, dass wieder ein ausländisches Fernsehteam zu Dreharbeiten angereist ist. Wer will, kann sich an Umfragen beteiligen. Ehemalige Bewohner halten „elektronisch“ Kontakt zu einstigen Nachbarn, Freunden, Kollegen. Sie stellen alte Fotos ins Netz oder erzählen einfach: Wisst Ihr noch…

Die Spur der schmerzhaft Betroffenen muss man woanders suchen. Die jetzt erst an Krebs Erkrankten, die Mütter missgebildeter Kinder, frühinvalidisierte Liquidatoren oder Hinterbliebene der nie amtlich gezählten Strahlenopfer, auch die „nur“ Haus und Hof im Heimatdorf verloren – die haben sich in Trauer, Verzweiflung, Resignation vergraben und meiden das Internet. Deshalb ist an jener geschwätzigen Börse voller Privatklatsch und Business-Offerten der Schrecken schon verblasst, den die restliche Welt mit diesem Ort verbindet. Krankheit, Radioaktivität, Gefahr und Tod? Selbst bei trübem Wetter ist der „Sarkophag“ des Unheilreaktors aus den höher gelegenen Fenstern der meisten Pripjater Wohnungen gut zu erkennen; aus den Selbstgesprächen der in alle Winde verstreuten Überlebensgemeinde scheint er dagegen verbannt.

Von Gefahr und Tod, die so unsichtbar im Sperrgebiet lauern, scheinen andere Leute dagegen wie magisch angezogen. Seit Jahren sind sie auf eigene Faust in der „Zone“ unterwegs, raue Burschen in derber Montur, die über enorme Sachkenntnis verfügen, den Geigerzähler stets griffbereit haben und wissen, wie man Milizionäre gnädig stimmt. Über ihre Expeditionen schreiben und fotografieren sie Logbücher, die sie nach ihrer Rückkehr ins Internet stellen. Dem unleugbaren Risiko begegnen sie mit einer Mischung aus Neugier und Spiel: „Nach etwa fünf Kilometern passieren wir das Dorf Mali Klischi. Da ist auch schon der Kontrollpunkt. Wir unterziehen uns allen nötigen ,Prozeduren‘. Der Polizeibeamte rät uns zum vorsichtigen Umgang mit Feuer und öffnet die Schranke. Nun sind wir in der Sperrzone. Die Gammastrahlung liegt hier bei etwa 60 bis 90 Mikroröntgen pro Stunde1. […] Auf einem zauberhaft schönen Waldweg mit völlig kaputter Asphaltdecke kommen wir bis Schischeliwka. Dort herrscht absolute Stille. Die Abendsonne flutet dieses kleine Dorf mit warmen, gelben Licht. Es fühlt sich an, als ob das Licht entlang den zugewucherten Straßen strömt und aus den leeren Fenstern der verlassenen Häuser hinunterfließt. Die Gammastrahlung beträgt hier 70 bis 100 Mikroröntgen pro Stunde.“

Jenseits der Schlagbäume also ein faszinierendes Territorium, in dem, der verirrten Zivilisation zu Strafe, Natur wieder die alte Herrschaft zurück erlangt. Weshalb auch mystische Regeln gelten: „Wie es sich für die Zone gehört, kehren wir auf einem anderen Weg zurück.“ Hinter dem Treiben dieser halb illegalen Kundschafter lässt sich unschwer ein literarisches Muster ausmachen – „Picknick am Wegesrand“, der vermutlich meistgelesene Science-Fiction-Roman aus sowjetischer Zeit4, und dessen Kinoversion, die in der Regie von Andrej Tarkowski Weltruhm erlangte: „Stalker“. Von der ersten bis zur letzten Minute wird der in einer rätselhaften Wildnis spielende Film von einer namenlosen, tödlichen Gefahr beherrscht. Seine unglaublich suggestiven Stimmungen lassen sich so nahtlos auf das evakuierte Gebiet rings um Tschernobyl übertragen, dass die selbsterklärten „Zone-Forscher“ dafür das leibhaftige Strahlenrisiko offenbar „mannhaft“ auf sich nehmen.

Und dann ist da noch jene bizarre Gruppierung, die zum Katastrophenort eine rein fiktive Beziehung pflegt. Es sind die Anhänger von S.T.A.L.K.E.R. – Call of Pripyat, eines Computerspiels, dessen Grafikdesign auf Fotos beruht, die 2004 in der verwilderten Stadt aufgenommen wurden. In diesen Kulissen, für deren „überzeugend düstere Atmosphäre“ das Spiel internationale Preise gewann, kämpfen die Spieler mit Zombies und anderen Monstern, bis im Mittelpunkt der Zone das tödliche Aus oder der Sieg mit den Guten auf sie wartet. Die markanten Gebäude von Pripjat fungieren dabei allein als Staffage des Horrors. Warum die Stadt aufgegeben wurde, ist für das Spiel ohne Belang, „die postapokalyptische Szenerie wird vielmehr zu einem Spielplatz eskapistischer Träumereien.“ Als 2009 eine neue Spielversion auf den Markt kam, fand auf dem Maidan, dem Hauptplatz von Kiew, eine Release-Party statt: „Es gab eine Gamezone mit zahlreichen Rechnern, ein Panzerfahrzeug, leere Fässer, ein Autowrack. Stuntmen lieferten sich Schießereien und Kämpfe, dazu ein Breakdance Battle begleitet von DJ-Auftritten und sogar ein Stalker Comicwettbewerb.“ Unter der riesigen Bühne hatten sich Hunderte versammelt, in Tarnanzügen, mit Schutzplanen umhängt. Für Gruppenfotos setzten sie gern auch Gasmasken auf.

Heimatsuche
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ In dem Dokumentarfilm Lost Paradise nimmt eine in Pripjat aufgewachsene und nun in Kiew lebende Frau mit ihrem brasilianischen Mann an einer Touristenführung durch die „Zone“ teil. Irgendwann stehen die Beiden vor einem verwilderten Spielplatz, auf dem Olga nach der Schule immer ihre kleine Schwester aufsammelte. Sie gibt sich einen Ruck und zieht ihn zu dem gespenstischen Achtgeschosser im Hintergrund: „Komm mit! Nach Hause.“

Weil die Evakuierung damals in fürchterlicher Hast geschah und nur schmales Handgepäck in die Busse durfte, blieb unendlich viel liegen – Möbel, Hausrat, Krempel aller Art. In diesen Hinterlassenschaften, gerade den unbedeutenden, die später dann nicht einmal Plünderern der Mitnahme wert waren, ist ein intensives Zeitbild eingefroren worden, das wegen seiner Detailfülle wie auch dank seines privaten Charakters jedem Betrachter heute unter die Haut geht. Eine regelrechte Überwältigung durch Zeichen: Die gemusterten Tapeten. Die Losungen an den Wänden. Die spartanische Sachlichkeit des Mobiliars. Auf Büchsen und Gläsern die Etiketten mit den beinahe vergessenen Signaturen. Fenstergitter, Parkbänke, Spielgeräte aus immer demselben Armierungsstahl. Bauernfolklore als Kunst am Bau. Bizarre Collagen aus Wahlurnen, Mai-Transparenten und Faschingsthron. Die Sowjetunion der Achtzigerjahre.

Über diesen Ort sind, wie man so sagt, alle Bücher schon geschrieben. Es gibt Dokumentationen, Filme. In Kiew wie auf weißrussischer Seite in Gomel sind der Katastrophe eigene Museen gewidmet. Wer jetzt noch nach Geheimnissen sucht, kommt zu spät.

Natürlich hat auch Krementschouk sich den Birken im Hochhaus, der Ikone, nicht entziehen können. Doch als Besucher aus heutiger Zeit musste er zum Trauma des Ortes einen eigenen Zugang finden. Dem 1973 geborenen Fotografen half der Mut zum heiklen Eingeständnis. Auch in seinem Reden über die „Zone“ fallen die Worte bald: Kindheit und Zuhause. „Man trifft da einen Teil der Vergangenheit, wo man glücklich war.“

Was er sich (und uns) damit öffnet, ist die verborgene Tür zur Welt vor der Katastrophe. Indem er durch sie geht, stellt er sich denen an die Seite, die für ihre Trauer so schwer Worte finden. Und auf seinen Fotografien setzt sich – hinter der Stadt als Bild – eine unersetzlich andere Wahrnehmung durch: die Stadt als Gefühl.


* Walter Fust, Director of the Swiss Agency for Development and Cooperation. www.chernobyl.info


Text veröffentlicht in: Andrej Krementschouk: Chernobyl Zone (II). Heidelberg (Kehrer Verlag) 2011