Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Kunstprojekt Gropius-Stadt, Foto: Oliver Scholten


Vergiftetes Geschenk

Zwei Arten, ein Jubiläum zu feiern

Noch ein paar Tage wird sie zu sehen sein, die Ausstellung „50 Jahre Gropiusstadt“, die die degewo im City-nahen Niemandsland irgendwo zwischen Checkpoint Charlie und Mehringplatz ausrichten ließ. Jedoch: Geht es wirklich um das Gründungsjubiläum einer weit über Berlin hinaus bedeutsamen Wohnstadt der Sechzigerjahre, dann ist diese Ausstellung ein vergiftetes Geschenk: „Gropius hatte sich alles anders vorgestellt“, so beginnt auf den Tafeln die Geschichte der Siedlung. Als „Schuldige“ werden Wils Ebert und sture Senatsplaner ausgemacht, und natürlich Walter Ulbricht mit seiner Mauer, der die plötzlich eingesperrten Westberliner zu Hochhäusern zwang. Dann werden die verschiedenen Aufbauetappen dargestellt und Nutzungstypologien erörtert, deren Hauptcharakteristikum vor allem darin besteht, heutige Erwartungen nur schwer zu erfüllen. Im Hintergrund nölt eine Endlosschleife, auf der die Film-Protagonistin Christiane F. zehn Sätze über ihre schreckliche Kindheit zwischen kahlen Hochhäusern und verkackten Grünflächen spricht. Eine Jubiläumsausstellung, bei der der Jubilar sich zerknirscht für sein Dasein entschuldigt?

Vielleicht sollte man eher von Gehirnwäsche reden. Denn es werden auch Entwürfe eines Gutachterverfahrens gezeigt, in dem vier Planungsbüros aus dem Sympathiekreis des bekennenden Moderneverächters Hans Stimmann an der Gropiusstadt herumkorrigieren durften. Und man erkennt: Auch eine Großsiedlung kann zum Porzellanladen werden, in dem keine Planer herumtrampeln dürfen, denen die Strukturprinzipien der Städtebaumoderne zuwider sind. Die planen bewusst gegen diese Prinzipien an, mit genauso verheerenden Folgen, als hätte man einem Ludwig Hilberseimer die Sanierung von Kreuzberg anvertraut – nur spiegelverkehrt.

Um sich von so viel geballtem Ressentiment zu erholen, sollte man einen Ausflug an den Realschauplatz unternehmen. Gleich neben der U-Bahnstation Lipschitzallee (für alle, die noch nie dort waren!) liegt das Gemeinschaftshaus Bat-Yam-Platz, in dessen weitläufiger Foyerlandschaft auch eine Jubiläumsausstellung hängt: „Die Weiße Residenz – Künstlerische Fotografien der Gropiusstadt 2002-2012“. Schon der Titel macht neugierig, gesteht er doch dem Ort eine Würde zu, die man beim Reden über Großsiedlungen hierzulande gemeinhin vermisst. Diese deutlich andere Perspektive verdankt sich einem simplen Umstand: Von den 92 Fotografen (!), deren Bilder hier präsentiert werden, waren viele Teilnehmer eines (inzwischen leider eingestellten) Residenzprogramms, das über sieben Jahre auswärtigen Künstlern einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer Hochhauswohnung gewährte. Allein schon diese „Nähe auf Zeit“ offeriert überraschende Einblicke. Nahezu alle fotografischen Genres sind vertreten. Neben den Formspielen abstrakter Reißbrettwelten steht plüschiges Wohnzimmerglück. Man lernt Maschinisten des Grünflächenamtes kennen, den Treffpunkt der jungen Russen, einsame Jogger draußen am Gerstenfeld. Und man darf staunen: Sonnenuntergänge wie hier an der südlichen Peripherie erleben in Downtown allenfalls Penthouse-Millionäre.

Nun gut, die Fotokünstler waren dankbare Gäste, mit eindeutiger, gar denunzierender Kritik halten sie sich zurück. Aber man nimmt wohl den Neubaukiez tatsächlich anders wahr, sobald man erst mal seine Zelte dort aufschlug. Und das Lamento über die „Unwirtlichkeit“ ist sowieso Mainstream, wenig originell. Im Gegenteil: Heute braucht es Mut, sich den Großsiedlungen mit Empathie zu nähern. Wäre das nicht auch allererste Pflicht der planenden Zunft? Wer solche Gegenden nicht mag, soll die Finger von ihnen lassen. Aber solange Künstler sich von ihr faszinieren lassen, kann eine Stadt nicht verloren sein.


Veröffentl. im eMagazin von www.german-architects Nr. 46/2012. Nicht mehr abrufbar.