Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Havemann-Passagen in Berlin-Marzahn, 2005. Foto. W. Kil


Die Halde

Wer fährt schon freiwillig und schlicht aus Neugier etwa nach Marzahn-Nord, wo die letzten Elfgeschosser sich zu einer Art neuzeitlicher Stadtmauer gegen das platte Umland auftürmen und wo vietnamesische und russische Geschäftsleute in buntem Nebeneinander zahlreiche Läden der „Havemann-Passagen“ gepachtet haben. In der Innenstadt haben sich die paar Geschäfte mit russischen Genusswaren vor allem auf Touristen als Kundschaft eingestellt, und die zahlreichen vietnamesischen Lebensmittelhändler sind sichtlich bemüht, sich als Nachfolger der Tante-Emma-Läden möglichst „berlinisch“ ins Bild ihrer Nachbarschaft zu integrieren. Anders dagegen hier draußen, wo die zugewanderten Kaufleute auf den Bedarf einer eigenen Klientel reagieren können: Bei den Russen gibt es lose abgewogenen Trockenfisch und Shiguli-Bier genauso wie Live-Mitschnitte von Petersburger Underground-Bands oder die neuesten Mosfilm-Videos. Und wie nirgendwo in Friedrichshain oder Prenzlauer Berg, sind hier die Schaufenster der Vietnamesen mit Zetteln in deren so wunderbar exotischer Sprache übersät: halböffentliche Mitteilungen und private Annoncen, in denen sich die Entfaltung einer eigenen, auch ökonomisch immer stabileren Community manifestiert.

Natürlich sind auch Türken am Stadtrand mit von der Partie, aber als aufmerksame Geschäftskenner haben sie sich auf bestimmte Eigenarten des hiesigen Publikums eingestellt – auf junge Russlanddeutsche etwa, die in geselliger Runde gerne wie „daheim“ den Schnaps in Flaschen ordern; also bietet der Döner-Imbiss zur „Freitagabend-Disko mit Programm“ den Dreiviertelliter Whisky oder Brandy inklusive einer Familienflasche Cola zu einhundert Mark, Wodka immerhin zu sechzig.

Auf buchstäblich den letzten Metern vor den Brandenburger Äckern wächst also der Stadt unerwartet eine neue kulturelle Vielfarbigkeit und somit eine metropolitane Praxis zu, die in solcher Konsequenz bislang nur in den traditionellen Einwanderungsvierteln, insbesondere in Kreuzberg, zu beobachten war. Wirklich überraschend an dieser Entwicklung ist, dass die riesigen Plattenbauviertel doch gemeinhin als rigide, unwohnlich und funktionell wenig anpassungsfähig gelten. Dieses vorschnelle Urteil ist nun zu korrigieren, angesichts der ersten echten Krisensituation, in die die gerade erst ein Vierteljahrhundert alten „Neustädte“ geraten sind: Mit dem Wandel des Gesellschaftssystems waren ihnen ihre Gründungszusammenhänge abhanden gekommen, aber siehe da – die Strukturen aus Beton erweisen sich als genauso „elastisch“ wie die angeblich so unübertrefflichen Mauerwerkslabyrinthe der Gründerzeitstadt. Der Anpassungsprozess der sozialistischen Planstädte an die neuen, unübersichtlicheren Verhältnisse macht ökonomisch Sinn und ist praktisch bereits in vollem Gange.

Um das erstaunliche Phänomen einer urbanen „Toleranzzone“ so weit draußen an den Stadträndern zu erklären, sollte man den Imagewandel jener Viertel betrachten. An deren Verruf hat die geballte Medienarroganz des Westens seit Jahren vehement gearbeitet. Dank dieser Verrufenheit scheint sich nun aber in der Plattenbauperipherie demnächst das Schicksal der innerstädtischen Mietskasernenviertel zu wiederholen. Denn: „Jede Stadt, die nicht für alle Raum und Arbeit hat, braucht einen Abschiebeplatz; und jede Stadt, die ihr Gesicht wahren will, braucht die Halde, auf der sie sich des Störenden, Dysfunktionalen, Unangepaßten entledigt.“ So nüchtern hatte einst Karl Schlögel das legendäre Kreuzberg SO 36, den verwahrlosten „Osten“ innerhalb der Mauerstadt Westberlin, charakterisiert. Doch er war auch bereit, die „Halde“ für einen entscheidenden Vorzug zu loben – nämlich für Neuankömmlinge jeglicher Art eine „erste Anlegestelle“ zu sein.
Ein Lob, das damals übrigens für Kreuzberg wie für Prenzlauer Berg galt: In beiden seit den siebziger Jahren offiziell als Slum abgeschriebenen Altbaugebieten hatten sich Zuzügler und „abweichlerische Elemente“ gesammelt, um hier, gegen den Ordnungsgeist des Mainstreams, andere Ansprüche an Wohnform und Lebensweise zu realisieren. Und in beiden Bezirken sind, beispielgebend für die übrige Innenstadt, die Pioniere solch aktivistischer Stadtaneignung vom Lauf der Entwicklung bestätigt worden: Ihre Demonstration eines anderen Modells hat Politiker zur Einsicht bewegt und der Planung zu einem Wechsel der urbanistischen Leitbilder verholfen.

Dass die besagten Kieze in geradezu mustergültiger Weise sozial „beweglich“ und „belastbar“ wurden, dass sie also zu bevorzugten Transit- und Ankunftsstationen für Zuwanderer aus Nah und Fern werden konnten, haben sie ganz unmittelbar jener vorübergehenden Missachtung und beginnenden Verwahrlosung zu verdanken. Denn erst bei praktizierter Unordnung entstehen Freiräume, in denen die Verhältnisse zu tanzen anfangen. Und deshalb sind es immer die Krisenbezirke, in denen die Stadt ihren nächstliegenden Herausforderungen zuerst begegnet. Im Kreuzberg der Achtzigerjahre konnte Berlin testen, wie es sich so lebt nach dem Verschwinden der Industriearbeit, am Beginn der großen Völkerwanderungen und im Angesicht erlahmender sozialstaatlicher Sicherungssysteme. In Marzahn oder Hellersdorf wird heute die fundamentale Verwandlung Berlins seit dem Mauerfall sichtbar: Mit allen Sinnen wird man hier darauf gestoßen, dass dies eine Stadt schon im Ostteil des Kontinents ist und dass sie sich, wie alle Transformationsstädte jener Weltgegend, auf Erschütterungen und Belastungen von unabsehbarem Ausmaß gefasst machen muss.

Wobei im Falle Berlins ein erschwerendes Moment noch hinzu tritt: Die „Flucht nach Westen“ wird hier wenig trösten, denn man ist ja schon da.


Kapitel 5 aus dem Nachwort zu Uwe Rada: "Berliner Barbaren", Berlin 2001