Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Leerstand in Berlin-Hellersdorf 2002. Foto: W. Kil


Peripherie als Ort

Das Hellersdorf-Projekt

Hellersdorf ist die letzte unter DDR-Bedingungen geplante und gebaute Großsiedlung am nördlichen Stadtrand von Berlin. 100.000 Einwohner sind dem Vernehmen nach dabei, mit wachsendem Lokalstolz eine klassische Kleinstadtidentität zu entwickeln: Man lebt in fünfgeschossigen Blocks, unter offenen Himmeln und mit Blick auf Grünes. Berlin ist „in der Stadt“, irgendwo dahinten, 20 Minuten U-Bahn bis zum Alexanderplatz.

Das „Hellersdorf Projekt“ ist einer Kette glücklicher Umstände zu verdanken. Der Direktor der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft suchte nach einer Gelegenheit, seinen landesweit zum Ghetto heruntergeredeten Bezirk dem öffentlichen Bewußtsein als „ganz normales Wohnviertel“ anzuempfehlen. In Zusammenarbeit mit Ulrich Domröse, dem Kurator der Fotosammlung an der Berlinischen Galerie, lobte er aus seinem „Kunst am Bau“-Etat Stipendien aus: Vier professionelle Spitzenfotografen [Max Baumann, Jens Rötzsch, Helga Paris, Ulrich Wüst] sollten sich für ein halbes Jahr mit dem Bezirk auseinandersetzen und jeweils ganz individuelle, subjektiv-künstlerische Standpunkte dazu formulieren.

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Leider reichen die den Bildern beigegebenen Texte an die Intelligenz des fotografischen Konzeptes nicht heran. Das von Ressentiments überquellende Geschreibsel Rolf Schneiders tut dem Buch echten Schaden und wirft erneut die Frage auf, warum ausgerechnet dieser bemühte Belletrist immer wieder zu Kommentaren über Berliner Stadtprobleme eingeladen wird. Gerwin Zohlen müht sich redlich mit viel Ja und Aber, und wie er entgegen aktueller Berliner Dogmatik das eine oder andere faire Wort für die Planungsutopien der Moderne findet, sei anerkannt. Doch wenn den Charlottenburger die „Brandenburger Himmel so weit“ ganz unumwunden an „russische Steppe“ erinnern, „kein gnädiger Schatten, Leere und Brache und gedrückte Stimmung vor Ort ...“, dann schlingern durch die gepflegte Germanistenprosa eben doch nur die üblichen Klischees, rutscht die melancholische Schilderung ab zum Rufmord im Säuselton der gebildeten Stände.

Den Fotografien an Nähe und Auskunftskraft am vergleichbarsten ist noch die Reportage von Alexander Osang. Der geht den konkreten Schicksalen eines Hausaufgangs nach, vergleicht Lebensbedingungen und -gewohnheiten vor und nach der „Wende“, mißt Lebensqualitäten nicht am soziologisch schulmeisternden Außenblick, sondern an den schlichten Begründungen der Hellersdorfer selbst: Gehen oder Bleiben.

En passant liefert Osang auch eine wichtige Überlegung für jede Beschäftigung mit DDR-Neubaustädten. Sein scheinbar abstruser Eröffnungssatz „Hellersdorf ist Amerika.“ nimmt den Gründungsmythos ernst, der allen diesen Plangebilden auf grüner Wiese einmal anhaftete und der via Biographie das Selbstbild ganzer Generationen von „Erstbeziehern“ unwiderruflich prägte. Daß der schwere Anfang im Baustellendreck und im Mangel noch fehlender Infrastruktur, also die lokal geschichtslose „Stunde Null“, in besonders hohem Maße identitäts- und damit individuell geschichtsbildend wirkt, wird Altstädtern selten bewußt, so daß sie gar nicht verstehen können, welcherart Motivationen die Leute „dort draußen“ eigentlich umtreiben. Daß den Bewohnern der DDR-Neubaustädte im Zuge des Systemwechsels ihre positiven Gründungsmythen nun kleingeredet und ins Gegenteil umgewertet werden, verschärft die Identitätskrise dieser Gebiete erheblich. Kollektiver Rückzug in ein forciertes „Wir sind eben anders“-Selbstbewußtsein ist die noch glimpfliche Folge; Fremden- (nicht Ausländer!-)feindlichkeit lauert dahinter als übliche Spießerattitüde.

Die DDR hatte ihre Altstädte auf dem Gewissen, weil sie sich weigerte, deren positive Werte anzuerkennen. Der Westen verachtet die Sozialbausiedlungen, zumal jene aus DDR-Produktion. Wird man ihm also deren Verkommen dereinst anzulasten haben? Das eben macht das „Hellersdorf Projekt“ zum Ereignis: Zum ersten Mal seit zehn Nachwende-Jahren galt einer Neubaustadt im Osten die konzentrierte Aufmerksamkeit eines derart hochkarätigen Kunstprojektes. Nicht zur Verhübschung des Wohnumfeldes und nicht zur billigen Anklage vor dem Zeitgeist-Tribunal, sondern zur künstlerischen Reflexion dessen, was da ist: Stadt mit Geschichte und eigenartigen Menschen, mit lokalen Problemen und insgesamt jegliche Auseinandersetzung wert. Eine Stadt eben wie jede andere auch.


Rezension des gleichnamigen Buches, hrsg. von Ulrich Domröse und Jack Gelfort, Stuttgart 1999. Veröffentl. in: Bauwelt 18-19/1999. Nachdruck unter „Eine Stadt wie jede andere“ in: Freitag 11/1999