Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Foto: W. Kil


Auch Großsiedlungen eine eigene Geschichte gönnen

Warum aus Neubauten manchmal erst Altbauten werden müssen

„Plötzlich ist es ‚in‘, wieder ‚urban‘ zu wohnen“, weshalb Dankwart Guratzsch, Hausautor der Tageszeitung Die Welt und bekennender Altstadtfreund, unlängst wieder zu einem Rundumschlag ausholte: „Die Soziologen müssen einsehen, dass sie mit ihren Analysen über die Wohnwünsche und -bedürfnisse der Städter ein Jahrhundert lang falsch gelegen haben.“ Mehr noch, die „entmachteten Sozialingenieure“ sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass – anders als in Zeiten „gewaltigen ideologischen Überschwangs“ – heute „die Armen, Alten und Ausländer dorthin vertrieben und ausgelagert werden, wo die Sozialreformer fälschlich die Zukunft städtischen Wohnens gesehen hatten: in die Großwohnsiedlungen der Sechzigerjahre."

Was für ein schrilles Lamento! Doch die hier anklingende Abneigung gegen das Wohnmodell Großsiedlung ist wahrlich nicht neu. Seit Mitte der 1970er Jahre, als die Wiederentdeckung der alten Innenstädte zu einem Paradigmenwechsel im planerischen Denken führte, werden in stadtpolitischen Debatten unentwegt solche Attacken geritten. Ging es früher um „Licht, Luft und Sonne“, wird seither allerorten auf „eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ gepocht. Diskussionen darüber, wie eine Gesellschaft ihre Behausungsprobleme zu lösen versucht, folgen Konjunkturen. Andere Zeiten hatten andere Ideale, erstrebten andere Ziele. Und noch immer scheint jede Generation die Ideen und Taten ihrer Vorgänger erst einmal geißeln zu müssen – wobei sie in aller Regel weit übers Ziel hinaus schießt, indem sie das eben noch gepriesene Modell der Alten zum Feindbild schlechthin erklärt. Das war schon so, als Stadtbaurat Werner Hegemann 1930 in seiner Streitschrift Das steinerne Berlin mit den Mietskasernen der Gründerzeit abrechnete, und es wiederholte sich gut dreißig Jahre später, als der Publizist Wolf-Jobst Siedler mit seinem elegischen Essay Die gemordete Stadt gegen die nunmehr als „gesichtslos“ und „anonym“ gescholtenen Wohnsiedlungen der Moderne zu Felde zog, gegen den „Bauwirtschaftsfunktionalismus“, das „familienfeindliche Abstandsgrün“ und die „Seelenlosigkeit des Betons“. Dann, nach wiederum dreißig Jahren, machte der taz-Journalist Uwe Rada seine "Generation Alex" ausfindig, jene aufbegehrenden Kinder, die sich von den hartkantigen Figuren modernen Bauens nicht länger abschrecken, sondern plötzlich erneut faszinieren ließen. Steht also der nächste Pendelschlag bevor? Sucht der Zeitgeist wieder mal Tapetenwechsel – weg vom Stuckornament, hin zur kahlen Sichtbetonwand?

Meinungskampf um das „richtige“ Leben
Das Problem, so dürfte deutlich geworden sein, steckt zum einen in dem Wörtchen ästhetisch. Denn unter allen Kriterien, derer sich Menschen bei ihrer Weltbetrachtung bedienen, zählt die Ästhetik zu den flüchtigsten Fähnlein im Winde, weshalb schon der bedeutende Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) vor einer Überbewertung des schönen Augenscheins warnte: „Änderungen des alten Stadtbildes dürfen nur aus praktischen Gründen, niemals aber aus ästhetischen Gründen erfolgen. Ästhetische Gründe unterliegen der Wandlung, und da wir bisher immer unrecht gehabt haben, werden wir in alle Zukunft unrecht haben.“

Doch im andauernden Meinungskampf um das „richtige“ Leben in der Stadt tritt noch ein anderer Konflikt zutage. Großsiedlungen werden von ihren Bewohnern, wie auch von ihren Betreibern, zumeist anders gesehen und bewertet, als von den Meinungsmachern der Medienöffentlichkeit. Letzteren bleibt in aller Regel die Insiderperspektive fremd, dem Phänomen Großsiedlung nähern sie sich als Flaneure. Umso empfänglicher sind sie für (Vor)Urteile, die der Zeitgeist serviert. Wer nun aber urbanes Leben auf Sightseeing, Kaffeehausbesuche und Konsumgenuss reduziert, wird in weniger mondänen Stadtvierteln, in den Seitenstraßen der „kleinen Leute“ oder gar in Stadtrandsiedlungen nur schwerlich Lobenswertes finden.

Umso stärker muss man alle Akteure ermutigen, die gegen allzu flüchtigen Augenschein die Innensicht solch übel beleumdeter Quartiere formulieren und verteidigen. Damit sind Nachbarschaftsinitiativen genauso gemeint wie Wohnungsverwalter oder Quartiersmanager. Auch Architekten möge man hin und wieder an die These Ernst Blochs erinnern, Architektur sei und bleibe „ein Produktionsversuch menschlicher Heimat.“ Dass dieser Prozess nicht mit der Schlüsselübergabe eines fertiggestellten Hauses endet, im Gegenteil, dass er danach wohl erst in seine entscheidende Phase eintritt – dieser schlichten Weisheit fühlen sich glücklicherweise immer mehr engagierte Akteure verpflichtet: „Heimat“ entsteht letztlich nur als sozialer Prozess! Natürlich sollen Großsiedlungen als eindrucksvolle Stadträume mit möglichst einprägsamen Architekturen wahrgenommen werden, aber noch wichtiger scheint ihre Eignung als praktische Bühne für den Alltag ihrer Bewohner.

Auch Plattenbauten werden zu Altbauten
Sobald wir unsere Aufmerksamkeit weg von den Bildern, hin zu den Prozessen lenken, kommt etwas ins Spiel, was bei der Beurteilung von Großsiedlungen allzu oft ausgeblendet wird: ihre eigene Geschichtlichkeit. Wie wachsen die artifiziellen Gebilde allmählich in das historische Gewebe einer Stadt hinein? „Städte, die nicht langsam über Jahrhunderte entstanden, eignen sich kaum zum Leben. Sich eine Stadt ausdenken zu wollen ist wie der Versuch, ein künstliches Lebewesen zu erfinden.“ So oft dieser Zweifel auch zu hören ist, greift er als Kritik doch zu kurz. Denn er unterstellt die starre Unabänderlichkeit des Ausgangsplans. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Früher oder später hat sich noch jede Neubaulandschaft unter dem vitalen Alltag ihrer Bewohner verändert. Was man braucht, ist nur etwas Geduld – damit lebendige Vielfalt und anregende Komplexität entstehen können, muss Zeit vergehen.

Da geht es der Moderne nicht anders als allen Epochen davor: Wie lange hat es gedauert, bis aus dem Mietskasernenblock, diesem urbanistischen Schreckbild, das nostalgisch idealisierte Stadtmodell unserer Tage werden konnte. (Übrigens: Auch Gründerzeitviertel waren einst künstliche Stadterweiterungen auf kahlen Feldern, also eigentlich „Planstädte“!) Um sie für den Zeitgeist verlockend zu machen, bedurfte es aber einer entscheidenden Voraussetzung: Anpassung, Umbau! Man kann die alten Häuser heute überhaupt nur lieben, weil sie nicht mehr so sind, wie sie vom Ursprung her einmal waren.

„Man sollte ruhig davon ausgehen, dass auch Plattenbauten irgendwann Altbauten sind, die man entsprechend behandeln darf, ja behandeln sollte.“ Mit dieser Überzeugung gelang es dem Cottbuser Architekten Frank Zimmermann sogar, ein Fertigteilhochhaus zu zerlegen und aus den Einzelteilen sechs „Stadthäuser“ neu zusammen zu montieren. Beton ist eben kein Baustoff für die Ewigkeit. Längst gehört die Verlegung vormals „blinder“ Küchen und Bäder ans Tageslicht zum Repertoire jeder halbwegs ambitionierten Modernisierung. Ob Maisonettes oder Penthäuser mit Dachterrassen das Wohnungsspektrum erweitern, hängt allenfalls von zahlungskräftiger Nachfrage ab; bautechnisch sind solche Umwandlungen inzwischen Routine. Wenn aber die Betonsiedlungen des Sozialwohnungsbaus sich genauso freizügig umgestalten lassen wie die kolossalen Ziegelgebirge der Gründerzeit, sollte einem neuerlichen Imagewandel eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Die Normalisierung der Planwelten der Moderne – des industriellen Häuser- wie auch des funktionalistischen Städtebaus – ist die nächste uns ins Haus stehende kulturelle Herausforderung, und zwar von Le Havre bis Wladiwostok. Wer meint, sich des ungeliebten Erbes durch einfaches „Wegsprengen“ entledigen zu können, hat dessen rein materielle Ausmaße vermutlich verdrängt. Damit geht jedoch der Blick für die globale Dimension des Problems verloren. Die globale Dimension ist die ökologische: Auch die Bausubstanz der Moderne ist Ressource! Das wirft man nicht weg. Das baut man um, und dann nimmt man es mit in die Zukunft.


Erschienen in: Die Wohnungswirtschaft, Hamburg, 8/2012