Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Foto: Harald Kirschner, Leipzig


Vom Heimischwerden

Fotos aus der „Gründerzeit“ von Leipzig-Grünau

Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig sind noch bis Juni beeindruckende Bilder von Ankunft und Heimischwerden zu sehen. Der Leipziger Fotograf Harald Kirschner hatte 1980 in der damals noch im Bau befindlichen Großsiedlung Grünau im 16. Stock eines Hochhauses eine Maisonettewohnung bezogen. Seitdem wurde er zum Chronisten des zweitgrößten Plattenbaugebiets der DDR, und zwar einer, der nicht nur mal „rausfährt“, um dort krasse Ansichten aufzuschnappen, sondern der sich mit Haut und Haar auf das spezielle Lebensmilieu dort eingelassen hat. Der also dabei blieb, auch wenn er den Matsch von den Baustellen abends in die eigene Wohnung schleppte, und der sich selber beim Bauern am Trabi-Anhänger versorgte, solange die Kaufhalle noch ein Rohbau war. Die besondere Neugier des Betroffenen, oder besser, des Beteiligten machen seine Beobachtungen des schweren Anfangs so genau: Wie man zwischen Schuttbergen und Schlammpfützen nicht resigniert. Wie bei gemeinsamer Vorgartenpflege Nachbarn ihren Schönheitssinn durchsetzen. Wie eine Welt noch ohne Straßen sich auch ohne Verkehrsregeln oder Parkplatzordnung arrangiert. Wie man Einschulung (stolz mit Tüte) und letzte Zeugnisausgabe (in albernen Kostümen) auch zwischen Betonmischern feiert, oder zur Kirchweih der Bischof im vollen Ornat durch struppige Wildnis stapft. Und wie es natürlich immer die Kinder sind, die der vermeintlich drögen Reißbrettstadt die abenteuerlichsten Nischen und Entfaltungsräume abgewinnen.

So werden wir Zeugen eines geradezu archaischen Vorgangs: der Zivilisierung eines eben noch unwirtlichen Territoriums. In den hier protokollierten Alltagshandlungen werden Pfade getrampelt, Chancen ausgekundschaftet, Begabungen ins Spiel gebracht, Rituale erprobt, Normen erfunden. Der aufreibende Kampf mit dem Unfertigen schafft Motive ohne Zahl, um die gemeinhin geltenden Begriffe von Stadt wieder einmal neu zu justieren, etwa im Sinne Ernst Blochs, der in seinem „Prinzip Hoffnung“ darauf bestand: „Architektur ist und bleibt ein Produktionsversuch menschlicher Heimat.“

Selten wurde einer Ausstellung einen irreführenderer Titel verpasst. „Traum und Tristesse“? Kirschners Fotografien wecken ganz andere Assoziationen. Man fühlt sich erinnert an den Gründungselan von Auswanderern, die ihr Glück in nordamerikanischen Prärien suchten, an den Stolz junger Aktivisten, die in Sibirien Staudämme und Fabriken aus dem Boden stampften, oder auch an den romantischen Ernst, mit dem die ersten Kibbuzniks die Wüsten ihres Heiligen Landes bewässerten. Ja, diese Bilder berichten von einer Besiedlung. Sie zeigen, wie Blochs „Heimat“ letztlich nur herzustellen ist: als sozialer Prozess! Es sind die gemeinsamen Leidenserfahrungen wie auch die gemeinsamen Anstrengungen zur Überwindung aller Zumutungen, die zusammen schweißen und die „Erstbezieher“ Wurzeln schlagen lassen, jene Generation, deren hartnäckige Wohnzufriedenheit unter heutigen Planern immer wieder nur Kopfschütteln provoziert.
Diese Szenen einer großen Besitzergreifung thematisieren das Wohnen als schlichtes Menschenrecht. Den Begriff „Immobilie“ lernte man hier erst eine Epoche später kennen.


Veröffentl. in Bauwelt Heft 19/2012
www.bauwelt.de/Szenen-einer-Besitzergreifung