Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist


Öffentliche Hinrichtung

Betrachtung eines Bildes

Der über 13 Jahre hin zelebrierte Prozess akribischer Zerstörung nahm immer aufdringlichere Formen an,
die schon Züge einer öffentlichen Hinrichtung trugen. Als biografisch involvierter Zeuge konnte man das nur
persönlich nehmen. Weil alles so völlig ohne empathische Gesten geschah, als Akt demonstrativer Verachtung.
Schließlich waren es für wenige Wochen noch die nackten Gleitkerne, die mitten im Herzen der Stadt einen Ort der Trauer umstanden. Diffus empfundene Demütigung. Und Beweis kalten Desinteresses am „Gelingen der Einheit“.

Kurz vor ihrem Tod wählte die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann (1941-2010) elf Aufnahmen für eine letzte öffentliche Bildserie aus, in der sich so etwas wie die Essenz ihres Schaffens zeigt. Zu dieser eindringlichen Reihe gehört auch ein grau verhangener Blick auf die Gleitkerne des Palastes der Republik im Koma der letzten Rückbauphase. Wer die oft träumerische Ästhetik der bedeutenden Fotografin kennt, den muss die scheinbare Beiläufigkeit dieser Aufnahme verstören. Es ist aber die krasse „Kunstlosigkeit“, die die darin erhobene Klage zum Vermächtnis erhebt.


Veröffentl. in „der architekt“, Berlin 2016, Heft Nr. 2