Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Stolpersteine in Berlin-Charlottenburg. Foto: W. Kil


Mit sinnlichen Eindrücken Menschheitsfragen berühren

Orte fürs Andenken oder Nachdenken?

Wo hat in deutschen Landen die Freiheit ihren ureigenen Ort? Wo lässt sich die nach vierzig Teilungsjahren errungene Einheit am sinnfälligsten feiern? Wahrscheinlich sind auf diese Frage so viele Antworten möglich, wie es lebendige Erinnerungen an die Epochenwende vor zwanzig Jahren gibt. Für die jetzt beschlossene Platzierung des geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmals auf der Berliner Spreeinsel gibt es bei genauer Betrachtung nur einen Grund: An eben dieser Stelle, direkt vor dem damals noch intakten Schloss, hatte schon einmal ein nationales Monument gestanden: Kaiser Wilhelm I. zu Pferde, martialisch wie alle deutsche Geschichte davor und danach, was bekanntlich zur Zertrümmerung des Reiches samt Schloss und Nationaldenkmal führte. Doch da, nach Karl Marx, Geschichte sich nicht wiederholt, es sei denn als Farce, so wird sie uns nun beschert – die Farce einer „Waagschale der Einheit“. Die wird uns noch allerlei skurrile Meldungen bescheren, denn den Freunden interaktiver Kunstschöpfungen fehlt es meist an Phantasie für die schlichten Unterhaltsprobleme einer zum Dauerbetrieb bestimmten Installation. Wenn erst einmal – in der Sorge um die leibliche Sicherheit der die Riesenschaukel enternden Publikumsscharen – jeder ernsthafte Gedanke an den Denkmalsanlass untergegangen ist, wird sich so mancher der einst Abstimmungsberechtigten für sein Votum noch heimlich schämen. [...]

Weil uns im Land der Dichter und Denker so ungemein viele Zeichen und Monumente der Erinnerung überkommen sind, scheint die Meinung verbreitet, diese Denk-mal-Tradition ließe sich einfach und nach freiem Belieben fortzusetzen. Doch wer mit den Mitteln der Kunst nicht nur Genreszenen bebildern, sondern geistig komplexere Themen bearbeiten will, muss schon erhebliche ästhetische Investitionen aufbieten, will er nicht kurzlebigen Flitter produzieren oder plakative Illustrationen zum Zeitgeist, die der nächste historische Wendewind von Wänden und Sockeln bläst. An realistische Bildniskunst wagen sich Künstler hierzulande nur noch selten. Dass auch jenseits der abbildgetreuen Erzählfigur zeitlose Gesten öffentliche Räume mit Bedeutungen aufzuladen vermögen, haben vor allem Altmeister wie Henry Moore (etwa vor dem ehem. Bonner Kanzleramt), Richard Serra auf der Essener Schurenbachhalde oder Eduardo Chillida im Ehrenhof des neuen Berliner Kanzleramts demonstriert. Ob es sich bei den zuletzt genannten Fällen um Denkmalskunst im engeren Sinne handelt, werden Kunstwissenschaftler verneinen. Aber dass hier mit starken sinnlichen Eindrücken womöglich Menschheitsfragen berührt werden, steht wohl außer Zweifel.

Die Aura des „wirklich Gewesenen“
Eigentliche Aufgabe eines Denkmals ist, wie der Name ja sagt, ein Andenken zu bewahren. In unserer von vielerlei Medien stimulierten Gegenwart geschieht solche Erinnerungsarbeit noch am überzeugendsten in direktem Bezug auf den Ort: Hier war es, an dieser Stelle ist es geschehen! Die Verknüpfung von Ort und künstlerischem Verweis kann geradezu suggestive Wirkungen freisetzen, die Aura des „wirklich Gewesenen“ verleiht noch dem brüchigsten Sachwissen Flügel: Das gilt für das volkstümliche Figurenensemble, das seit fast hundert Jahren am Originalschauplatz den tragischen Tod einer ganzen Feuerwehrmannschaft unterm zusammenbrechenden Wohnhausdach memoriert (Beacon Hill in Boston/USA), wie für die philosophische Inszenierung, mit der Dani Karavan am kleinen Friedhof von Port Bou die Ausweglosigkeit des Flüchtlings Walter Benjamin in atemberaubende Bilder von Tod und Freiheit übersetzte.

Auf dem Bebelplatz neben der Berliner Staatsoper erinnert eine ins Pflaster eingelassene Glasplatte an die Bücherverbrennung von 1933. Mit seiner „ausgeräumten Bibliothek“ hat der israelische Künstler Micha Ullman ein Denkzeichen so unauflöslich an den Schauplatz des Geschehens geknüpft, dass die nachfolgende Unterkellerung des Platzes mit einer Tiefgarage, in der das unterirdische Kunstwerk nun einen befremdlichen Störkörper bildet, das ganze hier waltende Desinteresse an der geschichtlichen Last des Ortes offenbart.
Geradezu tröstlich dagegen die Neugier, die Tag für Tag ganze Besuchergruppen über den Platz treibt, bis sie endlich die unscheinbare Glasplatte, und damit das „Denkmal“ gefunden haben. Dieses überraschende Erlebnis, am Rande eines (womöglich beiläufigen) Weges auf ein Relikt authentischer Historie zu stoßen, oder zumindest auf eine originelle Markierung derselben, ist immer noch der verlässlichste Pfad lebendiger, und damit prägender Geschichtserfahrung. Die fortlaufende Kunstaktion der „Stolpersteine“, bei der die Namen deportierter jüdischer Familien im Pflaster vor ihren letzten Wohnhäusern erscheinen, bezieht daraus ihre beeindruckende Wirkung.

Als ein regelrechter Lehrpfad zweifelhafter Gedenkübungen lässt sich mittlerweile in Berlin die Bernauer Straße besichtigen, wo verschiedene Institutionen – Bund, Senat, eine Kirchgemeinde – alle Register zum Thema „Mauergedenken“ zogen, vom klassischen Museum über die gravitätische Gedenkstätte und eine Versöhnungskapelle bis zum schulklassentauglichen Erlebnispfad. Dieses Großaufgebot offiziellen Erinnerungswillens hat nicht verhindern können, dass erhebliche Teile des ehemaligen Todesstreifens (!) inzwischen von quietschvergnügten Häuslebauern vereinnahmt wurden.

Als eine Art Gegendemonstration hierzu darf dann durchaus jene spontane Dauerfestivität gelten, die jedes sonnige Wochenende Zehntausende Freilufthungriger in den benachbarten Mauerpark treibt, wo sich in babylonischer Vielfalt und toleranter Ausgelassenheit der wirklich elementare Gewinn des Mauerfalls feiern lässt – diese Grenzenlosigkeit des „Himmels über Berlin“. Wenn man Einheit und Freiheit in Deutschland tatsächlich einen Ort zuweisen wollte, so wäre mein Votum: Hier!


Veröffentlicht am 4. Mai 2011 auf german-architects.com
www.german-architects/18_11_denkmal