Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Rigaer Kollisionen: Schwarzhäupterhaus und Okkupationsmuseum. Foto: W. Kil


Hansestolz trifft Sowjetmoderne

Riga postmodern: Zwischen Rathaus und Okkupationsmuseum verschwimmen die Epochen

Im Zweiten Weltkrieg ist Riga von Zerstörungen weitgehend verschont geblieben – mit einer verhängnisvollen Ausnahme: Bei der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht 1941 wurde mitten in der Altstadt Lettlands größtes Gotteshaus in Brand geschossen, die Petrikirche. Deren Turm trug Europas höchste hölzerne Haubenkonstruktion, die nun als 120 Meter hohe Riesenfackel auf den Rathausplatz stürzte. Dem dadurch entfachten Großfeuer fielen sämtliche in der Nähe stehenden Gebäude zum Opfer, darunter das klassizistische Rathaus, vor allem aber das Ensemble um das berühmte Schwarzhäupterhaus. Dessen prachtvoller gotischer Giebel voller Figuren im Stil der holländischen Renaissance war beeindruckendes Symbol der Hansetradition und das unbestrittene Juwel Alt-Rigaer Baukunst gewesen. 1948 ließ die nunmehr sowjetische Verwaltung die Ruinen beseitigen. Die freigeräumte Fläche erhielt eine völlige Neufassung in erheblich aufgeweiteten Dimensionen. Stattliche Wohnhäuser im typischen Historismus der 1950er Jahre markierten zur Altstadt hin eine klare Kante. Wo zuvor das Rathaus war, entstanden sachlich moderne Bauten für die Technische Universität. Nach Westen hin öffnete sich der neue Stadtraum, halb Aufmarschplatz, halb Citypark, in voller Breite zum Ufer der Daugava. Und anlässlich Lenins 100. Geburtstag wurde 1970 in die Mitte dieses ausladenden Plateaus ein rätselhaftes Bauwerk gesetzt. Über zwei Sockeln schwebend ein fensterloser Kasten, umkleidet mit erst rötlichem, später stumpfschwarzem Kupferblech: das Museum zu Ehren der „Lettischen Roten Schützen“.

Jene legendären Soldaten, die im Heer des Zaren besonders tapfer gekämpft, nach der Oktoberrevolution 1917 sich als Eliteeinheit in den Dienst der Bolschewiki gestellt hatten, gehörten in der sowjetischen Geschichtspolitik zu den Gründungsmythen einer „Lettischen Sowjetrepublik“. Der ihnen gewidmete Bau war demnach auch weniger ein Museum im uns vertrauten Sinn, eher ein mit kriegerischen Devotionalien und patriotischer Propaganda ausstaffierter Weiheraum, in dem letzte noch lebende Veteranen jener heroischen Bataillone ihre Erinnerungen an nachwachsende Generationen weitergeben konnten. Die zentrale Symbolfunktion macht den prominenten Standort des Gedenkortes verständlich, wiewohl sich über seine radikal modernistische Form (man beachte das Baujahr!) sehr wohl staunen lässt. So gründlich also hatte Stalins Klassizismus ausgedient.

Heutigen Besuchern wird gern als Hintergrundstory verraten, die Architekten Dzintars Driba und Gunars Lusis-Grinbergs hätten damals auf eigene Faust ihren Entwurf vom vorgegebenen Standort so weit weggerückt, dass die im Boden noch vorhandenen Fundamente des Schwarzhäupterhauses verschont bleiben konnten. Eine durchaus glaubhafte Geschichte, die man so oder ähnlich aus verschiedenen Städten mit radikalen Neuaufbau-Planungen hören kann. In Riga hat diese subversive Suche nach dem „historischen Kompromiss“ am Ende allerdings zu einer ungemein komplizierten stadträumlichen Situation geführt: Kaum hatte Lettland seine Unabhängigkeit 1991 errungen, sollte sogleich der alte Rathausplatz in seiner Vorkriegsgestalt wiedererstehen. Die Universitätsbauten mussten einer ungefähren Rathausreplik weichen. Das Ensemble des Schwarzhäupterhauses wurde akribisch auf seinen alten Grundmauern rekonstruiert; dafür war vom Museumsbau dann aber doch der kurze seitliche Eingangsflügel zu entfernen, er hätte sonst die Rückfront des Repräsentierdenkmals allzu eng bedrängt. Wie es heißt, verlief diese Operation ohne viel Aufhebens, denn mit dem Ende der Sowjetunion war auch das sowjetische Geschichtsbild obsolet geworden, das Museum um seinen Zweck gebracht. Der schwarze Blechkasten stand plötzlich einfach so da.

Geschichte neu erzählen
Um die Geschehnisse der letzten Jahrhunderthälfte wahrhaft aufzuklären und neu zu erzählen, begann eine private Stiftung 1993 mit dem Aufbau eines „Lettischen Okkupationsmuseums“. Dessen Thema sind die Geschichte Lettlands und das Schicksal des lettischen Volkes während der 51 Jahre unter sowjetischer und deutscher Besatzung. Das Geschichtspanorama beginnt mit dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, in dem neben großen Teilen Polens auch das Baltikum dem Stalinschen Imperium einverleibt wurde. Die vier Jahre NS-Herrschaft 1941-44, in denen nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Lettlands ermordet wurde (unter Mittäterschaft lettischer Kollaborateure), werden vergleichsweise knapp und sachlich dargestellt. Ihren emotionalen Schwerpunkt legt die Ausstellung dann allerdings auf die Zeit der „zweiten sowjetischen Besatzung“ ab 1944. Hier erfährt man nicht nur vom bewaffneten Widerstand der „Waldbrüder“ oder von den Deportationen in sibirische Lager, auch die wirtschaftlichen und kulturellen Folgen der Sowjetisierung in Gestalt von „übermäßiger“ Industrialisierung, Urbanisierung und demografischer („ethnischer“) Überfremdung werden behandelt. Den Schlusspunkt unter das Kapitel „Sowjetlettland“ setzt schließlich der „Baltische Weg“, jene Menschenkette, die am 23. August 1989 von Vilnius über Riga bis nach Tallin reichte, als unmissverständliche Forderung der drei Völker nach staatlicher Unabhängigkeit.

Das Okkupationsmuseum wird, neben staatlicher Projekteförderung, durch Spenden von Privatpersonen und lettischen Organisationen aus dem Ausland finanziert. Für ihre ständige Ausstellung wurde der Stiftung der seit 1992 funktionslose Bau des vormaligen Rote-Schützen-Museums von der Stadt überlassen, nur Steuern und Betriebskosten sind dafür zu entrichten. Ob man den markanten modernistischen Solitär überhaupt erhalten soll, darüber gehen die Meinungen in der Stadt bis heute auseinander, und dies umso mehr, als die Wiederkehr des Schwarzhäupterhauses nun alle stadträumlichen Logiken und Bezüge ad absurdum geführt hat: Schiefwinklig, eng und dissonant prallen da nicht einfach zwei architektonische Stilepochen aneinander, sondern in seltener Radikalität stehen sich hier zwei Stadtideen gegenseitig im Weg.

Eine solche Konfrontation mitten im heiligsten Herzen der Stadt hätte ja was zu erzählen – sehr viel deutlicher jedenfalls als am postmodern nachempfundenen Rathaus, dessen Stuckfassade gar nicht erst versucht, das neuzeitliche Glastonnendach darüber zu kaschieren. Doch anstatt den urbanen Clash so vieler Systeme und Kulturen irgendwie nutzbringend zu thematisieren, treibt die Stiftung das Verwirrspiel mit den historischen Deutungen nur immer noch weiter. Von Gunnar Birkerts, dem US-Architekten lettischer Herkunft, übernahm sie das Projekt einer baulichen Erweiterung des Museums. Von einem neuen Ausstellungskonzept existieren nur erst grafische Entwurfsvorstellungen, doch die angestrebte äußerliche Verwandlung gibt bereits Anlass zu großer Sorge. Der schon einmal gekappte Riegel soll wieder, und zwar deutlich verlängert werden, wobei man die gewonnenen Flächen nur für Nebenfunktionen braucht. Allein wichtig erscheinen die zusätzlichen Fassadenmeter, an denen man wieder Zeichen setzen will: Nach der „dunklen Vergangenheit“ am Ausstellungspart soll am Anbau, dank weißer Steinverkleidung, die „helle Gegenwart“ aufscheinen. Verspiegelte Glasflächen an Giebel und Dach weisen dann noch in eine „strahlende Zukunft“. Fünf Millionen Euro hat die Stiftung für den Umbau eingeplant, mit dem Bau soll gleich nach dem Ende des laufenden Kulturstadt-Sommers begonnen werden. Optimistisch rechnet man mit einer Fertigstellung im kommenden Jahr.

Vielleicht sind ja belesene Touristen in der Lage, diese „Collage aus Bauten, Narrativen und Identitäten“ als Abbild wechselvoller Stadtgeschichte zu dechiffrieren. Für seine Mitbürger befürchtet der Architekt Oskars Redbergs allerdings „ein Chaos der Deutungsschemata“, die Leute seien „einfach irritiert von der offiziellen antikommunistischen Propaganda auf der einen und den weiterhin wohlwollend gepflegten Erinnerungen auf der anderen Seite.“ Man kann es nicht anders sagen: Das postmoderne Revival des Rathausplatzes hat mit seinem schrillen Potpourri verschiedener Bauepochen, untermalt noch von diversen Denkmälern und Gedenktafeln, mitten in der Altstadt einen Ort hervorgebracht, der sich jeder klaren historischen Zuordnung entzieht.
Aber womöglich muss man sie sich genau so vorstellen, die schwer entwirrbare Identität Rigas am Beginn des neuen Jahrtausends.


Veröffentlicht in: Bauwelt 33/2014
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