Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Kunstprojekt SUPERUMBAU Hoyeswerda 2004, Foto: W. Kil


Zukunft suchen in „leeren Räumen“

Kulturarbeiter als Raumpioniere

(Auszüge)

Über eine Million Menschen sind seit der Grenzöffnung aus dem Osten Deutschlands in den Westen gezogen. Skeptische Demographen rechnen mit 8,6 Millionen Ostdeutschen im Jahr 2050, was grob gerechnet auf eine Halbierung der Bevölkerung seit 1990 hinausliefe und damit auf ein vollkommen anderes Land, als das uns bisher vertraute. Abgesehen von einigen „Inseln der Stabilität“ rings um Berlin, Leipzig, Dresden, Jena oder Weimar, sind es vor allem ländliche Regionen, die regelrecht leerlaufen, geradezu dramatisch in der Uckermark, in Vorpommern, in der Altmark und der Lausitz. In diesen traditionell dünn besiedelten Landstrichen war zu DDR-Zeiten mit Industrieansiedlungen und hochtechnisierter Agrarwirtschaft massive Strukturförderung betrieben worden. Nun stellt ein sich selbst überlassener Markt den Status quo ante wieder her, die im vorindustriellen Schattendasein dahindämmernde „Randregion“. [...]
„Da draußen“ macht man sich auf all das seinen eigenen Reim. Es gibt Dörfer und Kleinstädte, die sind seit der „Wende“ von so vielen Bewohnern verlassen worden, dass sie nach den statistischen Kriterien der Vereinten Nationen schon als „unbesiedelte Territorien“ gelten. Längst verfügt nicht mehr jedes Dorf über einen Einkaufsladen. Kindereinrichtungen und Schulen werden geschlossen, Busse verkehren seltener oder gar nicht mehr. In Sachen ärztlicher Grundversorgung zeichnen sich Notstandsgebiete ab. Der Verlust an allgemeiner Lebensqualität für jene, die unter solchen Verhältnissen weiterhin ausharren (nicht selten ausharren müssen), ist mit Statistiken gar nicht zu messen, psychologisch dafür umso einschneidender. Muss da wirklich verwundern, dass die jungen und auf berufliches Fortkommen bedachten Jahrgänge ihre Heimatgemeinden verlassen?

Neue Länder als Neuland denken
Zur allgemeinen Überraschung herrscht in Randregionen jedoch nicht nur ein Gehen, sondern auch ein Kommen. Unbeeindruckt von allen Negativschlagzeilen wächst die Zahl neuer Bewohner: Auf die etwa sechstausend Menschen, die beispielsweise die Uckermark Jahr für Jahr verlassen, kommen inzwischen fast schon viertausend Zuzügler. Soviel Mut, in bereits aufgegebenen Dörfern eine neue Existenz zu begründen, lässt auf eine Attraktivität neuer Art schließen: „Für dünner besiedelte Räume gilt, dass Bodenwerte und Regelungsdichte niedriger sein können als in hochverdichteten Räumen“, sind Experten der BTU Cottbus überzeugt. „So können Freiräume und Milieus entstehen, die attraktiv sind für Menschen mit alternativen Lebensentwürfen.“ Hier lassen sich „Zonen mit utopischem Potenzial“ suchen für „soziale und gestalterische Experimente im Sichtschatten unserer kontrollierten Welt“, wie der Peripherie-Forscher Boris Sieverts beobachtet hat: „Wo Lebensräume durch Gebrauch und nicht durch Eigentum definiert werden, entsteht Raum für ein weniger entfremdetes Leben.“
Neugierige, Tatendurstige, unruhige Geister – für diesen Typus des Neusiedlers haben Planer und Soziologen den Begriff „Raumpionier“ erfunden. „Pionier“ klingt nach Aktivsein, nach Entdeckung und neuer Praxis. Im Unterschied zum historisch altvertrauten Wochenendler oder Sommerfrischler suchen Raumpioniere das Dasein fern urbaner Geschäftigkeit weniger der Kontemplation oder Idylle wegen, sondern weil sie ein Programm verfolgen. Leben in selbstgewählter Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur, Wirtschaften in überschaubaren Kreisläufen. Indem Raumpioniere am neuen Ort ihr eigenes Leben zu verändern suchen, nehmen sie – ob gezielt oder ungewollt – Einfluss auf die Entwicklung ihrer Nachbarschaft, am Ende gar ihrer Region.
„Raumpioniere sind allerorten gefragt“, hat der Landschaftstheoretiker Thies Schröder beobachtet. „Städte und Staat werben um sie und bemühen dabei die Leitbilder der Auswanderung oder des Wiederaufbaus." [...] Trotzdem – ein Leben in Regionen, die mit immer weniger öffentlicher Fürsorge auskommen müssen, verlangt Bereitschaft zum Risiko und ein hohes Maß an Belastbarkeit. Der Einzelne hat sich mehr zu kümmern, ist mit mehr Entscheidungen auf sich gestellt, wofür er dann – im Idealfall – Entfaltungsspielraum gewinnt. Umstände also, wie geschaffen für Typen, die früher „Aussteiger“ (Naturfreund, Künstler, Eigenbrötler…) hießen und die man heute „Kreative“ nennt.

Reibereien programmiert
Alles wohlklingende Reden über Zuzügler oder „Raumpioniere“ sollte die naheliegenden Konflikte nicht ausblenden. Im Grunde durchleben die ländlichen Peripherien Ostdeutschlands einen ungeheuer einschneidenden Vorgang: einen Bevölkerungsaustausch.
Nach dem Exodus vornehmlich der Jüngeren, der besser Qualifizierten (und unter denen wiederum vornehmlich der Frauen) bleiben die weniger Beweglichen zurück, die Älteren und jene, die sich tiefer in der Heimat verwurzelt fühlen, als dass sie anderswo einen neuen Anfang suchen (oder wagen) würden. Jene Bleibenden, oft vorschnell als „Verlierer“ des Strukturwandels etikettiert, sehen sich nun mit Neuankömmlingen konfrontiert, die mit den unterschiedlichsten Erwartungen und womöglich Illusionen, oft auch mit ziemlich fremden Lebensstilen inmitten generationenlang fest strukturierter Umgebungen auftauchen. Die da ihren Städten – in erster Linie Berlin, zunehmend aber auch westdeutschen Ballungszentren – den Rücken kehren, müssen nicht unbedingt jünger sein, sie sind auch nicht immer höher, aber stets auffallend anders qualifiziert. Sie bringen neuzeitliches Wissen, nie gekannte Kontakte und oft völlig anders orientiertes Knowhow in ihre neue Wahlheimat. Sie haben nicht nur Routine im Umgang mit Förderern und deren Modalitäten, sie sind häufig auch eher bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren und, wenn erforderlich, auch den „Marsch durch die Institutionen“ anzutreten, d.h. sich in lokale oder regionale Gremien wählen zu lassen. [...]
Man muss wohl konstatieren, dass gerade bei „erfolgreichem“ Zuzug erst einmal parallele Lebenswelten entstehen. Noch nach Jahren reden die einen über die anderen als Fremde. [...] Unterschiedlicher könnten beide Fraktionen kaum sein: Einerseits die Stadtmenschen mit ihrer Begeisterung für die weithin ungestörten, brachliegenden Räume – andererseits die Dagebliebenen mit schwindenden Zukunftsaussichten, die an der Abgelegenheit und Leere ihrer Landschaften schier verzweifeln. Geradezu klassische Streitfälle treibt diese Konstellation immer dann hervor, wenn die „Neuen“ ihre ländliche Bilderwelt gegen modernisierende Eingriffe verteidigen, die von den „Alten“ doch als tröstender Ausweg ersehnt werden – die Asphaltierung holperiger Dorfstraßen etwa oder die „Aktualisierung“ traditioneller Hausformen im Baumarkt-Stil.
Andere, wenn auch weniger plakative Differenzen kamen bei den Initiativen zur Rettung alter Dorfkirchen in Brandenburg ans Licht. Auch hier sind es überwiegend Zugezogene, die als Initiatoren und Wortführer eine Schlüsselrolle spielen – und zwar nicht nur aus Ehrfurcht vor dem gefährdeten baukulturellen Erbe, sondern nicht selten in der Hoffnung, durch gemeinschaftliche Aktionen einen erweiterten Dorfzusammenhang zu stiften, der auch die Neuankömmlinge endlich einbegreift. Nicht Wenigen geht es beim Ringen um den Erhalt der symbolischen Ortsmitte nicht zuletzt um Identität in ihrer neuen Heimat, um „etwas, woran sie andocken können“.
Während also die Neuen mit Energie und Zielstrebigkeit daran gehen, den Ort ihrer Wahl „nach ihrem Bilde“ zu prägen, fragen die Altansässigen, „was die eigentlich tun, ob die überhaupt arbeiten oder einfach nur so leben“. – „Wir wollen basteln, uns den Tag selbst einteilen, das ist wichtiger als alles andere. Für die Leute im Dorf ist das ein bisschen verrückt", so die Mitglieder eines Festival-Projekts im nördlichen Brandenburg. Was soll man nach solch freimütiger Ansage anderes erwarten als einen Clash of Cultures?

Realismus ohne Jammern
Bei der funktionalen wie sozialen Neustrukturierung der „Randregionen“ dürfen hinter aller Neugier für die Raumpioniere die Schicksale der Bleibewilligen nicht unbedacht bleiben. Viele wurden mit dem ökonomischen Strukturbruch vor Entscheidungen gestellt, für die sie zu alt oder anderweitig (nicht zuletzt finanziell) schlecht gerüstet waren, so dass ein fürsorglicher Staat tatsächlich in der Pflicht steht, diese Menschen nicht in Stich zu lassen. Was aber nicht bedeutet, unter allen Umständen den Status quo der zurückliegenden Epoche aufrechtzuerhalten. Wie der Abriss ganzer Stadtrandquartiere lässt sich auch die Absiedlung verödender Restdörfer sozialverträglich organisieren.
Angemessenes Handeln kommt ohne Realismus einfach nicht aus. Dass man dem unvermeidlichen Weggang auch der engagierten Jugendlichen nicht zu sehr nachtrauern darf, dazu hat sich die „Kulturfabrik“ von Hoyerswerda, der wohl prominentesten „Schrumpfstadt“ Ostdeutschlands, irgendwann durchgerungen. „Wir können sie eh nicht aufhalten. Das Einzige, was wir tun können, ist, den jungen Leuten etwas mitzugeben, damit sie woanders bestehen können.“ Kulturarbeit als Auswanderungshilfe? Man muss sich mit den dramatischen Verwerfungen im Gefolge der Deindustrialisierung wirklich intensiv auseinandergesetzt haben, um in solchem Programm kein zynisches, sondern ein solidarisches Reagieren zu erkennen auf Verhältnisse, denen man ohnehin nicht entkommt. Also Lebenshilfe ganz allgemein: „Wir haben diesen Prozess [der Schrumpfung] und der muss so sein, damit schnell wieder eine urbane Stadt entsteht. Es macht keinen Sinn herumzujammern. Wir müssen sagen, verabschiedet euch in Würde davon, es ist eine andere Zeit…“
Den Dingen ins Gesicht sehen und die Wanderungsbereiten mit „Migrationskompetenz“ ausstatten bedeutet, ihnen ähnliche Entscheidungsfreiheiten zu öffnen, wie sie den biografisch begünstigten Raumpionieren gegeben sind. Flucht aus den Ballungszentren wie Flucht aus den Peripherien – beide Suchbewegungen gehören zum großen Projekt des bevorstehenden Gesellschaftsumbaus. Wie eine Welt jenseits von industriell geprägten Erwerbsstrukturen und traditionellen Arbeitsbiografien aussehen könnte, darüber gibt es noch wenig konkrete Vorstellungen. Deshalb sollten Politik, Verwaltung und Wissenschaft die vielen individuellen Glücksucher im Auge behalten und als „Sondeure im Eigenauftrag“ nach Kräften unterstützen – einfacher kommen wir nirgends an praktische Zukunftsideen.
Und wenn, mangels politischen Interesses, in dünner besiedelten Regionen tatsächlich neue Formen selbstorganisierten (und transfergestützten) Lebens erblühen, könnte man sie doch endlich ausrufen, jene „Zonen der Freizügigkeit“, die das Berlin-Institut erst unlängst in einer umstrittenen Studie vorgeschlagen hat – in der Hoffnung, die leeren Landschaften mögen sich bewähren als „Testfelder für die Welt von morgen“. Denn sicher ist: Diese Welt wird sich von unserer heutigen erheblich unterscheiden. Der Wandel hat längst begonnen.


veröffentlicht in: Kulturstiftung des Bundes (Hrsg.): Zeitspenden. Kulturelles Engagement in den neuen Bundesländern. Halle (Mittteldeutscher Verlag) 2010