Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Metrostation "Jugend" in Jerewan (Bj. 1981), Foto: Wolfgang Kil


Brutalismus in Russland, Zentralasien und Kaukasus?

Passagen eines Interviews


Oliver Elser: Wir neigen dazu, die sowjetische Architektur parallel zur politischen Geschichte zu erzählen. In welchem politischen Klima entstanden ab den 1970ern die Großskulpturen, die wir heute "brutalistisch" nennen?
Wolfgang Kil: Allgemein geht die Periodisierung sowjetischer Architektur nach politischen Eckdaten und ideologischen Wetterlagen auf. Der Wechsel von Stalin zu Chruschtschow könnte nahezu als Neustart des sowjetischen Systems gelten, die landesweite Bauproduktion bildet das auch architektonisch ab. Diffiziler wird es mit dem nächsten Wechsel. Die Breshnew-Ära, also die sogenannte Phase der Stagnation zwischen 1964 und 1982, zeitigte nach Innen durchaus Normalisierungseffekte: Nationaler Eigensinn konnte erwachen und zentrifugale Kräfte erzeugen, Nischen bildeten sich, Aktivisten bekamen Chancen. Die Architekturgeschichte sollte neben den Staatsapparaten noch viel stärker die Aushandlungsgesellschaft ins Visier nehmen. Parteibeschlüsse sind das eine, Beziehungsgeflechte (oder Rivalitäten) der Akteure vor Ort bewirkten oft anderes. Ein Beispiel hierfür ist der heute kaum mehr verständliche Triumphzug der estnischen Architektur-Elite durch entlegenste Dörfer, wo erfolgreiche Kolchosvorsitzende ihre Produktionsgewinne in schicke Terrassenhäuser und ehrgeizige Kulturhäuser mit Theater und Swimmingpool investierten. Die Überraschungen nehmen kein Ende…

OE: Welche Rolle spielten Architekten-Persönlichkeiten, die (wahrscheinlich ähnlich wie im Westen) singuläre Werke schaffen wollten?
WK: Nach meiner Wahrnehmung schienen da viel romantische Mythen und private Weltmodelle im Spiel. Im akademischen Milieu des Ostens wurde noch der klassische Künstlerhabitus gepflegt, der sich gern im Irrationalen auslebt und formale Effekte schätzt (im sowjetischen Film kommt das noch viel krasser zum Vorschein). Gerade die Hochbegabten waren oft wahre Meister des Eigensinns, die ja auch enorme Phantasie und Gewitztheit brauchten, um ihre Projekte durchzumanövrieren. Aber Spitzenentwerfer wie Anatolij Poljanski, der für seine berühmte Ferienrepublik Artek gleich noch ein intelligentes Montagesystem für den allgemeinen Gebrauch entwickelte, waren eher Ausnahmeerscheinungen.

OE: Lässt sich sagen, ob diese Bauten durch eine Form von »Diskurs« miteinander in Beziehung standen?
WK: Innerhalb der Sowjetunion wussten natürlich alle wichtigen Leute voneinander, durch oft wechselnde Arbeitsbeziehungen kam man ja im Land herum. Berufsverbände waren sehr aktiv, zur heimischen Entwicklung wurde regelmäßig publiziert, Wettbewerbe brachten Newcomer ans Licht. Ob das zu Diskursen im uns geläufigen Sinne geführt hat, kann ich nicht beurteilen. Konkret habe ich von Kontroversen über national-restaurative Tendenzen unter armenischen Architekten gehört. Einmal war ich selbst Zeuge von Abgrenzungsmanövern baltischer Architekten gegenüber Kollegen aus Moskau. Aber das fällt schon in die späte Phase der Postmoderne. Was heute als brutalistisches Unikat auffällt, wurde damals wohl vor allem als Heldentat besonders begabter (oder schlicht besser vernetzter) Kollegen bewundert. Nach dem ideologischen Geschmacksterror der Stalin-Jahre war allzu heftige Kritik an Einzelprojekten vielleicht auch weniger angebracht.

OE: Was waren die Erfahrungen mit diesen Bauten bei Reisen in die Ex-Sowjetrepubliken?
WK: Ich reagiere da ziemlich nostalgisch: So viel Mut, so viel Kreativität damals, und heute so ignoriert, verachtet, ja gehasst! In der öffentlichen Wahrnehmung (nicht nur dort) müssen ja die Bauten für das alte Regime herhalten, während ich immer an die Kollegen denke, die damals mit jedem dieser erstaunlichen Häuser kleine Triumphe feiern konnten. Wir haben in Tiflis und Jerewan mit Planern dieser Generation gesprochen, lauter würdige und noch ganz wache Persönlichkeiten, die vom Systemwechsel um die Anerkennung ihrer Lebensleistung gebracht worden sind. Das war schon tragisch.

OE: Bestanden Verbindungen zwischen dem sowjetischem Brutalismus und ähnlichen Bauten in anderen Teilen der Welt?
WK: Es erstaunt immer wieder zu hören, wie rege der Informationsaustausch über den „Eisernen Vorhang“ hinweg tatsächlich war. Selbst sowjetische Architekten sind doch gelegentlich gereist, und zumindest in den Metropolen mit ihren Hochschulen konnte sich, wer nicht locker ließ, auch ausländische Literatur beschaffen. Es gab also Anregungen, an denen man sich abarbeiten konnte. Trotzdem würde ich gerade die brutalistischen Eyecatcher immer auch ganz stark dem individuellen Formwollen der jeweiligen Autoren zuordnen. Alles ziemlich voluntaristisch, fernab jeder Theorie – deshalb auch nicht vergleichbar mit dem Konstruktivismus der 1920er Jahre, als der Westen auch schon fasziniert ostwärts blickte. Da war der Rest der Welt einmal begierig auf Neues aus dem Sowjetreich. Ab 1937 war damit Schluss, und zwar bis heute. Heutiges Interesse sucht doch auch eher das Pittoreske, niemals irgendwelche Innovation.

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OE: Im Westen endete der Brutalismus ca. im Jahr 1980. Im Osten erst mit dem Ende der Sowjetunion, ist das richtig?
WK: In der Sowjetunion war spätestens mit den Bauten zur Olympiade 1980 der Brutalismus hoffähig geworden, er kann durchaus als Repräsentationsstil der späten Breshnew-Jahre gelten. Wer sich da gegenüber „der Macht“ emanzipieren wollte, brauchte neue formale Mittel, und so schlug die Stunde der Postmoderne (oder was man jeweils darunter verstand). Am klarsten zeigte sich das in Estland, dort hatte die Gruppe der »Tallinn Ten« die Schriften von Robert Venturi, Denise Scott Brown und Charles Jencks mit besonderer Hingabe gelesen. In Polens Innenstädten ging es noch verspielter zu. Schaut man schließlich nach Minsk (Akademie der Wissenschaften) oder nach St. Petersburg (Nationalbibliothek), dann ist die Sowjetunion unter postmodernen Segeln untergegangen.

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OE: Ist es richtig, dass es in der DDR eigentlich keinen Brutalismus gab? Oder sollte man in Ostberlin das "Spitteleck", die Kirche St. Trinitatis in Leipzig oder das Leipziger Gewandhaus dazurechnen?
WK: In der DDR war uns Architekten die Moderne mit besonders großen Löffeln verabreicht worden, und zwar kaum in der poetischen, dafür in der systematischen Variante. Man haderte mit der Armseligkeit und Monotonie der Plattenbau-Realität, aber an der Sinnhaftigkeit industrieller Bauweisen wurde nicht wirklich gezweifelt. Ingenieurhaftes Denken stand hoch im Kurs, da riskierten Liebhaber starker Formen, schnell als Spinner zu gelten. Also kein besonders fruchtbarer Boden für brutalistische Kraftakte. Bis heute finde ich den eigentlichen Spirit der DDR-Architektur glaubhafter im Dresdner Kulturpalast oder im einstigen Palast der Republik abgebildet als im Leipziger Gewandhaus; das kam mir stets merkwürdig aufgesetzt vor, irgendwie aus dem Leim gegangen.

OE: Wie kann eine neue Wertschätzung von Baudenkmalen erreicht werden, ohne in Nostalgie zu verfallen?
WK: Sieht man von elitärer Kennerschaft ab, entsteht Begeisterung für Baudenkmale wohl nie ganz ohne Nostalgie. Das macht Hinterlassenschaften nach Umbrüchen besonders prekär, weil man sich da immer zuerst auf Symbolbauten stürzt. Schroffe ideologische »Wenden« bringen zusätzliche Komplikationen, da dem raschen äußerlichen Umsturz erst allmählich eine Umwälzung der inneren Verhältnisse folgt – die Kulturrevolution, die erfahrungsgemäß erst einen Generationswechsel braucht. Insofern hängt das Schicksal des sowjetischen Architekturerbes ganz wesentlich davon ab, wie die Gesellschaften aller Nachfolgestaaten (das heutige Russland inbegriffen) ganz generell das schwierige Verhältnis zu ihrem Teil der Geschichte im 20. Jahrhundert klären. Man möchte verzagen angesichts dieser historischen Mammutaufgabe. Doch eine Entpolitisierung gerade der markantesten Bauten, nur um sie als exotische Wunderwerke vor populistischer Bilderstürmerei zu bewahren, würde dem Denkmalsgedanken ja auch nicht gerecht.


Veröffentlicht in: Oliver Elser, Philip Kurz, Peter Cachola Schmal (Hrsg.): SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme. Zürich (Park Books) 2017