Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Prenzlauer Berg, Foto: W. Kil


Kaum Konfrontation, eher Unterwanderung

„Geschichten vom Widerstand“ in Kreuzberg und Prenzlauer Berg vergleichen zu wollen, ist nicht ganz einfach. Ich sehe dafür zwei sehr gravierende Gründe: Zum einen ist die westliche Geschichte ja schon recht gut aufgearbeitet. Immer gleich zeitnah und ziemlich professionell wurden Fakten und Bilder dokumentiert, danach wurde lebensgeschichtlich erzählt, politisch analysiert und auch planungstheoretisch allerhand eingeordnet. Es dauerte auch gar nicht so lange, da war jene große Wende im Planer-Denken, die sich mit den Stichworten „Behutsame Stadterneuerung“ und „SO 36“ verbindet, ordentlicher Bestandteil von stadtgeschichtlichen und/oder bauhistorischen Lektionen und Seminaren geworden. Mit dem Prenzlauer Berg ist das anders. Da gab es während der konkreten historischen Ereignisse natürlich keine „Begleitforschung“ (von der Stasi mal abgesehen), und im Nachhinein sind mir immer noch wenig systematische Untersuchungen bekannt. Was im allgemein öffentlichen Geschichtsbild an Mythen und Legenden kursiert, ist leider zu oft ungesichert – wie so vieles aus der Alltagsgeschichte dieses Landes DDR, zu der die Deutungsmacht ganz schnell auf die „Nicht-dabei-Gewesenen“ übergegangen ist; denen kommt es auf die wirklichen Geschehnisse, deren Verquickungen und Hintergründe, nie so genau an, solange nur die gängigen Klischees einigermaßen stimmig getroffen werden. Auch ich werde diesem Manko heute nicht abhelfen können, denn als Zeitzeuge steht mir „Geschichtsschreibung“ im redlichen Sinne gar nicht zu. Ich kann nur Erinnerungen zu Protokoll geben. Ein schlüssiges Gesamtbild daraus müssen andere entwerfen.

Ein zweiter Grund für die schwierigen Vergleichsmöglichkeiten steckt in der Materie selbst. Die Ausgangslagen waren andere, die Frontlinien verliefen anders, die Zielrichtung war eine andere. Für die gesellschaftliche Verfasstheit der DDR war „Häuserkampf“ eine gänzlich unvorstellbare Option. Straßenweise Großdemonstrationen, wie es sie etwa in Kreuzberg gab, hat die DDR erst gegen Ende 1989 erlebt, und da waren sie ja auch prompt die Signale des staatlichen Untergangs. Für den hier zu betrachtenden Zeitraum – wir reden im Wesentlichen über die 1980er Jahre, die „späte Honecker-Ära“ – hat eine Politisierung der Menschen auf deutlich anderen Wegen stattgefunden als im Westen. Ob DDR-spezifische Formen von Bürger-Einmischung in Fragen städtischer Bau- oder Wohnungswirtschaft von der Motivation wie vom Denkansatz her überhaupt „politisch“ zu nennen seien, möchte ich hier gar nicht entscheiden. Wohnraum, der hier vierzig Jahre lang knapp und nur über bürokratische Zuteilungswege zu erlangen war, war (in allen Altstädten der DDR) immer wieder auch Gegenstand listenreicher Umverteilung. Aber nicht per Straßenkampf wurde er erobert, sondern durch Unterwanderung. Und die wurde grundsätzlich von Einzelpersonen oder -familien vollzogen, seltsam befördert durch eine relativ simple Legalisierungspraxis: Man musste für eine leer vorgefundene und eigenmächtig bezogene Wohnung nur ein halbes Jahr lang die Miete an die Hausverwaltung überweisen; erfolgten in diesem Zeitraum keinerlei Gegenmaßnahmen (womit seitens der überforderten Ämter auch kaum zu rechnen war), dann war damit der Status eines legalen Mieters errungen.

Das Prinzip lautete einfach: Verlust des Überblicks! Weshalb es auch keine verlässliche Statistik darüber gibt, wie viele Wohnungen in Ost-Berlin, speziell in Prenzlauer Berg, qua individueller Selbstermächtigung durch wohnungsuchende Bürger angeeignet wurden. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit überschaubarem Risiko, das natürlich völlig andere Wege der Konfliktbeschreibung wie auch der Politisierung aller Beteiligten bedeutete, als bei den zeitgleichen Auseinandersetzungen zur Wohnungsfrage etwa in Kreuzberg. Selbst wenn es in manchen Kiezen am Ende Häuser gab, die zur Hälfte aus „irregulär“ bezogenen Wohnungen bestanden: Die das alles für sich riskierten, arrangierten, zurechtbastelten, waren mit ihrer unmittelbaren Lebensvorsorge beschäftigt, nicht mit einem dezidiert politischen Projekt. Wer von alternativen Lebensmodellen träumte, der zog mit Freunden aufs Land.

Die Affäre form+zweck
Über Einmischungen in offizielle Planungsbelange nachdenkend, fällt mir als sehr frühes Ereignis ein Fall aus dem heiklen Feld der medialen Öffentlichkeit ein. Architekten und Planer hatten nur eine offizielle Fachzeitschrift – die Architektur der DDR, ein politisch an extrem kurzer Leine geführtes und deshalb inhaltlich ziemlich dröges Verlautbarungsorgan der jeweiligen baupolitischen Linie der Partei. Architekturfragen oder Themen der Stadtentwicklung wurden lediglich in innerfachlichen Zirkeln diskutiert, darüber hinaus tauchten sie manchmal in intellektuellen Nischenzeitschriften wie SONNTAG oder FORUM auf. In solch „durchherrschten“ Öffentlichkeiten bleibt es nun nicht aus, dass mit der Zeit sich die Quer- und Andersdenker an unverdächtigen Orten sammeln. In diesem Falle war das die Zeitschrift form+zweck, eigentlich vom Amt für industrielle Formgestaltung als Fachmagazin für Designer gegründet, die sich unter der Ägide von Heinz Hirdina, später von Hein Köstereinz Hirdinaspäter HJeinKöster) zu der theoretischen Plattform für kritisches ästhetisches Denken mauserte.[1] Zu diesem international renommierten, weil intellektuell anspruchsvollen Blatt griff damals, wer als Gestalter ganz allgemein über den Status quo aus Mangelwirtschaft, technokratischer Rigidität und provinziellem Biedersinn hinausdenken wollte.

Während nun seit den späten 1970er, frühen 1980er Jahren an der Bauakademie und anderen Institutionen über die „Wende im Bauwesen“ zurück in die Innenstädte nachgedacht, teils auch – etwa am Arnim- und Arkonaplatz – bereits praktisch experimentiert wurde, ging die Redaktion von form+zweck das Problem grundsätzlich an. Sie widmete ihre Ausgabe 1/1983 pars pro toto dem Prenzlauer Berg, seinem realen Zustand und möglichen Strategien für die „Innerstädtische Rekonstruktion“.[2] Zur Einführung verwies Fred Staufenbiel, der führende Stadtsoziologe der DDR, erst einmal auf den Eigenwert der real existierenden Stadt.[3] Hatte bis dahin Stadtplanung vor allem darin bestanden, sich eine neue Stadt auszudenken und dann zu versuchen, dieses Idealbild möglichst herbeizuführen, so sollte nun die bestehende Stadt Gestaltungsziel sein. Erhaltenswert um ihrer selbst willen? Für das herrschende Planungsleitbild war das blanke Häresie!

Für solch „Neues Denken“ wurde ein Perspektivwechsel gebraucht: weg von den Bildern, hin zum Prozess. In diesem Sinne argumentierten Herbert Pohl und Wolf Dietrich Werner, zwei Architekten aus dem Stadtplanungsamt, die an Studien zu alternativen Entwicklungsszenarien für den inneren Prenzlauer Berg saßen und – ohne um Erlaubnis zu fragen – Ergebnisse daraus in dem Heft veröffentlichten.[4] Mein eigener Beitrag setzte sich mit dem ewigen Streben nach dem „Gesamtkunstwerk“ auseinander: Zu der Zeit zeichnete sich nämlich die Unsitte ab, Gründerzeitviertel zu bewahren, indem sie als „Zille-Milieu“ stilisiert wurden. Seinen Höhepunkt fand das in der Husemannstraße, die anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins mit musealen Motiven regelrecht vollgestopft wurde, mit alten Litfaßsäulen, Gaslaternen, Haltestellen für (gar nicht vorhandene) Pferdedroschken usw. Gegen diesen oberflächlichen Bilderkult waren die realen Prozesse zu rehabilitieren: Lokale Identität sollte durch die vielfältigen Praxen heutigen Alltags gewonnen werden. Stadt war als etwas zu begreifen, das lebt.[5] Wie man einen Blick für solche vitalen Bildlichkeiten entwickelt, wurde durch lange Fotostrecken u.a. von Ulrich Wüst demonstriert, oder auch durch Manfred Butzmanns subversive „Ratschläge zur Stadtbegrünung“, zweifellos frühe Vorläufer des Guerilla Gardening.[6]

Der vielleicht rätselhafteste Beitrag in dem Heft stammte vom Chefredakteur persönlich.[7] Ich gestehe, die darin entwickelte Idee eines „Museums der Urbanität“ damals gar nicht recht verstanden zu haben. Erst jetzt, beim nochmaligen Überlesen, dämmert mir: Es war ein U-Boot-Projekt. Unter dem Deckmantel eines „Museums“ wollte Hein Köster ein Kommunikationszentrum etablieren, in dem die Bewohner eines Stadtgebietes, in diesem Falle des Prenzlauer Bergs, sich darüber verständigen, was sie von ihrer Stadt eigentlich erwarten. Und was sie bereit wären, selber dafür zu tun. Also eine Anlauf- und Sammelstelle für bewegte Bürger!

Wir haben ungefähr ein halbes Jahr an dem Thema gearbeitet, das Ganze hat einen Riesenspaß gemacht. Als das Heft dann erschien, war es einer der größten publizistischen Skandale, die die DDR je gesehen hat. Die komplette Redaktion inklusive Chefredakteur ist in den Folgemonaten entlassen resp. versetzt worden, die Zeitschrift wurde mit neuen Leuten besetzt. Die beiden Architekten aus dem Stadtplanungsamt wurden mit Parteistrafen belegt und verloren ihre Stellen. Mir ist nichts weiter passiert, als Freiberufler war ich schwerer zu belangen; Artikel über Architekturthemen allerdings hat danach keine DDR-Zeitung (mit Ausnahme des SONNTAG) mehr von mir genommen.

Was war da eigentlich passiert? Nachträglicher Versuch einer Erklärung:
Mit diesem Stadt-Heft von form+zweck haben „Fachfremde“, die für Baupolitik und Stadtentwicklung pro forma gar nicht zuständig waren – also Redakteure, Designer, Soziologen, Künstler … Bürger? – sich zu einem Thema zu Wort gemeldet, für das eigentlich der Staat (bzw. die Partei) alleinige Kompetenz beanspruchte. Die Leute haben sich nicht nur Gedanken gemacht, sondern auch noch sehr locker und unverkrampft darüber geschrieben. Auf eigene Faust Öffentlichkeit hergestellt, also unter DDR-Verhältnissen automatisch: Gegenöffentlichkeit.

Und noch ein Gedanke verdiente hier eigentlich längere Reflexion: Worauf alle Autoren des inkriminierten Heftes unvermeidlich gestoßen waren, heißt heute behutsame Stadterneuerung. Wie bereits erwähnt, konnte diese „Behutsamkeit“ im Westen unter Umständen auch schon mal „Krawall“ provozieren. Im Osten kam die Sprengkraft dieses neuen Leitbildes aber noch viel drastischer ans Licht: „Behutsamkeit“ erfordert antihierarchisches Denken, eine ihrer Grundvoraussetzungen heißt Dezentralisierung. Also Kulturrevolution. Für den „real existierenden Sozialismus“ der DDR war damit die Systemfrage gestellt.

In aller Unschuld habe ich diese Erfahrung schon wenig später verifizieren dürfen. Ich hatte nämlich meinen eigenen Beitrag zu dem Skandalheft für eine Studie des Künstlerverbandes recycelt.[8] Darin ging es noch einmal sehr ausführlich um neue Strategien komplexer Stadtgestaltung für den Prenzlauer Berg, die jenseits aller historischen Klischeebilder bei den Alltagshandlungen heutiger Stadtakteure ansetzt, eben dort nach ästhetischen Elementen und Kulturmotiven fahndet. Die Studie kam nach ihrer Fertigstellung sofort unter Verschluss, und als wir uns gegen diese Maßnahme zur Wehr setzten, wurden wir ins Rote Rathaus bestellt, zum damaligen Kulturstadtrat, dem obersten Kulturverwahrer der DDR-Hauptstadt. In jener „Aussprache“, die mir in ewiger Erinnerung bleiben wird, flogen uns abstruse Vorhaltungen wie „Revisionismus“, „Frankfurter Schule“ und „urgermanische Basisdemokratie“ um die Ohren. Als aber schließlich das Wort „Konterrevolution“ fiel, wurde schlagartig klar, wie vermint das Gelände war, auf das wir geraten waren.


Denkmalsprengung und Paradiesbaustelle
Die beiden nächsten Vorgänge, von denen ich berichten will, gehören schon aus Zeitgründen irgendwie zusammen – die Sprengung der Gasometer am Bahnhof Prenzlauer Allee und die kollektive Erschaffung des Hirschhofes an der Oderberger Straße.

Als das Gaswerk Dimitroffstraße, jene riesige Dreckbude, deren Gestank das Leben im Prenzlauer Berg nicht gerade heiterer machte, 1981 stillgelegt wurde und an dessen Stelle ein Wohnpark entstehen sollte, konnte kein Mensch dagegen sein. Aber zum Werk gehörten auch drei große Gasometer, und die boten ein markantes Motiv für Prenzlauer Berg, noch dazu als eingetragene Baudenkmale. Für die imposant gemauerten Rotunden war es leicht, sich eine möglichst kulturelle Nachnutzung vorstellen. Dass sie nun genauso verschwinden sollten wie die verrotteten Produktionsanlagen, provozierte Widerspruch, erstaunlicherweise in allen Kreisen der Bevölkerung. An der Kunsthochschule Weißensee fertigten Studenten Protest-Sticker an, anonyme Künstler druckten auf Grafikpressen handliche Protestplakate, die nachts in Hausdurchgänge geklebt wurden: „Gasometer sprengt man nicht!“ Was mir heute aber fast noch wichtiger als diese widerspenstigen Aktionen erscheint, waren die Hunderte, wenn nicht Tausende von Protestschreiben, mit denen sich sonst eher zurückhaltende Bürger, selbst Parteigenossen und sogar Amtsträger darunter, an alle möglichen Institutionen wandten – an das Denkmalamt, die Stadtplanungsbehörde, an Betriebsparteileitungen, die Gewerkschaft, den Kulturbund, den Oberbürgermeister, natürlich auch an Erich Honecker persönlich. Meines Wissens zum allerersten Mal reagierten da nicht nur die „üblichen Verdächtigen“, also Künstler und Studenten oder Ausreisewillige. Nein, der Gasometer-Streit hatte Bürger – heute würde man sagen: aus der Mitte der Gesellschaft – motiviert, eine nie dagewesene Flut an Petitionen und Einwänden freizusetzen. Das allgemeine Klima schien an einen Punkt gelangt, dass nun auch Leute, die eigentlich etwas zu verlieren hatten, Gesicht zeigten.

Die Vergeblichkeit dieses trotzdem noch leisen Aufbegehrens ist bekannt, am Nachmittag des 28. Juli 1984 fand die Sprengung statt. Allerdings ließen tausende Passanten sich auch durch massives Stasi-Aufgebot nicht davon abhalten, dem grausamen Spektakel zuzusehen. Aus allen Fenstern, von allen Dächern, von buchstäblich überall drängten sie in den Zeugenstand – eine spontane wie bemerkenswerte Reaktion, die sich ja für Konflikte aller Art eignet, als letzte Geste vergeblichen Protestes: Den Übeltätern demonstrativ auf die Finger schauen!

Nur wenige Straßen davon entfernt fanden derweil andere, ungeheure Dinge statt: Um 1982 hatten Anwohner die Kulturverwaltung dazu gebracht, ihnen nicht nur die Gestaltung einiger zusammengelegter Innenhöfe zwischen Oderberger Straße und Kastanienallee in Eigenregie zu übertragen, sondern dem Projekt auch eine Million Mark Fördergeld sowie praktische Unterstützungen – z.B. Transportmittel – zu bewilligen. Heute wird zumeist die grandiose Leistung der namhaften Künstler hervorgehoben, die mit ihren ausgefallenen Ideen den Hirschhof schufen, diese phantasiereiche und atmosphärisch so einmalige Großstadtoase, deren verschiedene Nutzungsbereiche jederzeit für alle Bewohner des Kiezes offen waren. Für unsere Betrachtung sollte jedoch gerechterweise die Vorgeschichte ins Licht gerückt werden. Die nämlich war wiederum die Geschichte einer Unterwanderung: In der Oderberger Straße hatten Nachbarn ein in der DDR sehr wohl existierendes, aber im Allgemeinen zu hohler Staffage verkommenes Gremium der Volksdemokratie ernst genommen und für ihre Interessen gekapert: Sie „übernahmen“ die Mehrheit in ihrem Wohnbezirksausschuss (WBA), und fortan waren sie bei jedweden Planungsabsichten offiziell anzuhören. Unterschriftslisten solcher aktivistischen Nachbarschaften hatten die betroffenen Ämter durchaus zu fürchten. Lässt man an dieser Stelle die üblichen Abwägungen etwaiger Stasi-Überwachung beiseite, wäre anhand eines solchen (erfolgreichen!) Unterwanderungsmanövers die DDR endlich auch einmal als Aushandlungsgesellschaft zu analysieren. Westlicher Erfahrung dürfte solche Strategie übrigens als Marsch durch die Institutionen wohl bekannt sein.

Die Idee, diese zwei Fälle von „Bürger-Bewegung“ im Zusammenhang zu betrachten, verdanke ich dem Schriftsteller Bernd Wagner, der beide Vorgänge zu einem literarischen Protokoll verarbeitet hat.[9] Darin beschreibt er seine Tagesabläufe in jenen Sommerwochen des Jahres 1984, da er sich als observierter Protestverdächtigter ein enervierendes Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi lieferte, die alles daran setzte, ihn von den Gasometern fern zu halten. Immer, wenn die elende Trickserei ihn zu zermürben drohte, verzog er sich auf die Hirschhof-Baustelle. Er war ja gelernter Maurer, konnte also seinen Künstlerfreunden nützlich zur Hand gehen, und mit Kelle und Mörtel ging es ihm auch rasch wieder besser. Welch interessante Beobachtung: Da findet einer in gemeinsamer Arbeit mit Gleichgesinnten einen Freiraum, in dem er sich von dem Druck erholt, unter dem er „draußen“, als Protagonist des öffentlichen Protestgeschehens, so unerträglich steht. Beide Zustände werden zur selben Zeit erlebt, beide Vorgänge sind auf dieselbe Stadt, auf dasselbe Ziel gerichtet. Der Gejagte, der sich einmischt, der Kreative, der sich einbringt: der engagierte Bürger.

Abgesang
Ich habe bei meinen Schilderungen einiger Ostberliner Einmischungspraktiken bewusst das innere Befinden der Akteure hervorgehoben, denn dieses wird bei einer – wann und von wem auch immer zu schreibenden – Planungsgeschichte am sichersten unter den Tisch fallen. Die Abwehrkämpfe der späten 1980er Jahre gegen die Abrisspläne für die Oderberger und die Rykestraße lassen sich mit dem üblichen planungsgeschichtlichen Instrumentarium aufarbeiten. Welche Welten jedoch zwischen den nomadisierenden Hausbesetzern des Westens und den romantischen Nischenbastlern des Ostens liegen, haben die wilden Nachwendejahre gezeigt, in denen (nicht nur in der Mainzer Straße) alle Spuren einer spezifisch ost-alternativen Idee von „Stadt für die Bürger“ unter Radaufolklore oder/und Neobürgerlichkeit verschüttet wurden.

Umso mehr erbittert es mich, dass nun auch noch der Hirschhof, dieser letzte namhafte Gedächtnisort eines einst emanzipativen Aufbruchs im Osten, der Öffentlichkeit entzogen und damit im Netz historischer Spuren des Prenzlauer Bergs ausgelöscht wird. Fassungslos stehe ich vor der völligen Kenntnisleere und historischen Fühllosigkeit der neu zugezogenen Anwohner. Regelrecht wütend aber macht mich das Schweigen jener „ehemaligen Bürgerrechtler“, die zwar unermüdlich alte Rechnungen aus DDR-Zeiten begleichen, aber für die heutige Achtung oder gar Pflege der authentischen Orte ihres einstigen Wirkens keinen Nerv und keine Stimme finden. Ein Einziger, der Publizist Wolfram Kempe, hat seine Empörung über die Verschließung des Hofes in die Öffentlichkeit getragen. Seine Philippika sei hier deshalb in gebührender Ausführlichkeit zitiert:

"In der Begründung zum Beschluss der BVV, den Hof als öffentliches Gartendenkmal zu erhalten heißt es: 'Der Hirschhof ist keine Kirche, kein repräsentatives Gebäude – er ist ein Garten. Ein Garten mit einer Stasi-Akte. […] Die Opposition saß im Grünen. Das machte ihre Kraft aus. Darum ist dieser Ort denkmalwürdig. Verschlösse man ihn vor der Öffentlichkeit, tötete man seinen Geist.'

Antisoziale, geschichtsvergessene, neue 'Eigentümer', die wie zum Hohn immer wieder erklären, sie seien 'wegen dem Flair', 'dem Besonderen', gar 'dem Aufmüpfigen' in den Prenzlauer Berg gekommen, erreicht man mit solchen Appellen nicht. Gegen diese Totengräber all der Dinge, deretwegen sie angeblich kamen, hilft nur neuer Aufmupf ..." [10]

„Neuer Aufmupf“ – wirklich? Am Ende wäre man, wie so häufig, schon über ein ordentlich recherchiertes Kapitel im großen Geschichtsbuch froh.


Veröffentlicht in: Schlusche, Pfeiffer-Kloss, Dolff-Bonekämper, Klausmeier (Hrsg.): Stadtentwicklung im doppelten Berlin – Zeitgenossenschaften und Erinnerungsorte. Berlin (Christoph Links Verlag) 2014

Anmerkungen
[1] Heinz Hirdina leitete die Redaktion form+zweck 1973-1979, Hein Köster folgte im Amt1979-1984.
[2] Innerstädtische Rekonstruktion. Themenheft der Zeitschrift form+zweck, Berlin 1983, Heft 1 [Februar 1983]
[3] Fred Staufenbiel: Von sozialen Prozessen ausgehen. In: form+zweck 1/1983, S. 4
[4] Herbert Pohl/Wolf Dietrich Werner: Analysen und Vorstellungen. Ebenda, S. 8
[5] Wolfgang Kil: Kunstwerk Schönhauser? Ebenda, S. 23
[6] Manfred Butzmann: Straßengärtner. Ebenda, S. 39
[7] Hein Köster: Transparenz der Zeichen. Ebenda, S. 18
[8] Wolfgang Kil et.al.: Stadtgestaltung im Prenzlauer Berg. Konzeption für die komplexe Gestaltung der Modernisierungskomplexe zwischen Prenzlauer Allee, Schönhauser Allee, Wisbyer Straße und Saarbrücker Straße, Berlin, Hauptstadt der DDR. Auftraggeber: Büro für architekturbezogene Kunst Berlin, Oktober 1982 - März 1983. (Autorenkollektiv: Wolfgang Kil, Harry Lüttger, Jürgen Raue, Kurt-Heinz Rudolph, Veronika Wagner). Unveröff.
[9] Bernd Wagner: Die Gasometer-Parallelaktion. In ders.: Der Griff ins Leere. Berlin (West) 1988, S. 83
[10] Wolfram Kempe: Niemandsland. In: Prenzlberger Stimme, 14. Oktober 2011