Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Kiew, Hotel "Saljut" (1982-84), Foto: W. Kil


Moderne oder Sezession?

Eindrücke vom 19. Wiener Architekturkongresses „Sowjetmoderne 1955-1991“

Irgendwann stand auf der Bühne ein Moskauer Architekt, quicklebendig mit seinen 85 Jahren, und erzählte aus seinem Leben. Von der berühmten Rede im Dezember 1954, in der Nikita Chruschtschow die Ausschweifungen der stalinistischen Architektur verurteilte und die Hinwendung zum industriellen Massenbau verkündete, habe er morgens aus der Zeitung erfahren. Und sei darüber höchst entsetzt gewesen: „Wir waren doch klassisch ausgebildet, für unsere säulengeschmückten Wohnpaläste hatte es höchste Staatspreise gegeben! Nun sollten wir die Bösewichte sein? In der Presse wurden wir beschimpft, im Kino machte man sich über uns lustig. Ich habe noch ein, zwei Jahre versucht, im klassischen Stil weiterzuarbeiten. Dann wurde ich auf Studienreise nach Italien geschickt. Dort habe ich mit dem Denken über Architektur noch einmal völlig neu angefangen.“ Das freimütige Bekenntnis Felix Nowikows, der dann mit seinem Moskauer Pionierpalast (1958-62) ein Initialprojekt für die sowjetische Nachkriegsmoderne lieferte, gehörte zu den Highlights des 19. Wiener Architekturkongresses, der wichtigsten Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Sowjetmoderne 1955-1991“, die im Architekturzentrum AzW noch bis 25.Februar 2013 zu sehen ist.

Als „Mittler zwischen Ost und West“ hatte sich das AzW einem großen Forschungsprojekt über die Architekturen der sowjetischen Peripherien verschrieben. Noch auffindbare Planer und Künstler aus dem Baltikum, der Ukraine, aus Weißrussland, dem Kaukasus wie den zentralasiatischen Republiken sollten über damalige Arbeitsbedingungen berichten. Vor allem jedoch ging es um ihre Bauwerke, die entschieden allem widersprechen, was man im Westen unter „einheitsgrauer Sowjetarchitektur“ versteht. Auslöser für diese Neugier war ein europaweit zunehmendes Interesse von Historikern und Architekten am „bösen Funktionalismus“ der Nachkriegszeit, den man (nach Dietmar Steiner im Katalog) auch als Zeugnis sehen sollte für „die Zeit des Aufbruchs in die umfassende Verantwortlichkeit des Wohlfahrtsstaates. Themen der Zeit waren: Die große Form für die große Zahl, das Experiment in räumlicher und konstruktiver Dimension – im Westen wie im Osten.“

Mit Mut zum Risiko haben die vier KuratorInnen sich auf extrem unübersichtliches Terrain begeben. Durch zweifache Sortierung des Materials – einerseits geografisch nach Ländergruppen, andererseits typologisch nach Bauaufgaben wie Wohnungsbau, Markthallen, Kulturpaläste, Erholungszentren, Gedenkstätten usw. – waren Ausstellung und Katalog einigermaßen sinnvoll zu gliedern. In der Konferenz allerdings gerieten die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten mitunter in Reibung: Vertreter einer möglichst „autochthonen“ estnischen, usbekischen oder georgischen Architektur sahen sich konfrontiert mit den universalen Moderne-Sehnsüchten jener überwiegend russischen Shestidesjatniki (von Chruschtschows „Tauwetter“ mobilisierte „Sechziger“), die endlich Eingang in die kulturelle Nachkriegsgeschichte Europas finden sollten. Bei der Aufarbeitung der nachstalinschen Baugeschichte zeigten sich also bereits interne Differenzen: Die Kämpfe der einstigen Sowjetrepubliken um ihr nationales Eigensein sind noch lange nicht abgekühlt. Aber je jünger die nachwachsenden Interpreten, desto reflektiertere Positionen darf man erhoffen. Dass höchst originelle Überlegungen hierzu gerade aus Jerewan oder Taschkent kommen, daran müssen wir Zentraleuropäer uns erst noch gewöhnen.

Im Aufeinandertreffen so unterschiedlicher Geister offenbarte sich die Vertracktheit der Entscheidung, die Recherche auf den nichtrussischen Bereich zu beschränken. Natürlich wirken in den fernen Provinzen die formalen Eskapaden noch viel spektakulärer. Doch um diese nach ihrer jeweils nationalen Prägung zu befragen, fehlt einfach das Gegenüber – die Architektur der „Zentralmacht“. Aus der Sicht stolzer Balten, Ukrainer, Kaukasier, Usbeken oder Kirgisen war da immer nur ein Gespenst – der Moskowitische Moloch aus Unkultur, Normierungswahn und Repression. Dass die zum Kongress geladenen „Moskowiter“ nun mit ganz eigenen Geschichten aufwarteten und beachtliche Beiträge zum International Style vorzeigten, drohte den spannenden Diskurs über „Architektur als Medium nationaler Emanzipation“ über weite Strecken zu unterlaufen.

Das Dilemma war selbstgemacht, denn Ausstellung wie Kongress hätten vorab dringend eine Klarstellung gebraucht, oder wenigstens eine These: Wie stehen denn nun die Moderne und das Nationale zueinander? Im Katalog stellt der Historiker Andreas Kappeler die – mehrfach geänderte – Vielvölkerpolitik der Sowjetunion als ein weltweit ziemlich einmaliges Experiment multiethnischer Staatlichkeit dar. Stalins „Verschmelzung“ der Nationen zu einem (stark russisch geprägten) „Sowjetvolk“ ließ für viele Völkerschaften Modernisierung wie Russifizierung klingen. Dagegen gilt Chruschtschows „Tauwetter“-Politik als Versuch einer universalistischen Modernisierung, deren Werte, an erster Stelle Offenheit und Ehrlichkeit, denn auch die Architektur der Shestidesjatniki prägten – durch Glasfassaden, Verzicht auf dekorative Elemente oder intensive Gestaltung öffentlicher Räume. Westliche Vorbilder waren nicht länger tabu, schließlich wollte man sie überholen. Doch die allgemeine Liberalisierung gab auch national(istische)en Impulsen neuen Auftrieb. Der Architektur mancher Republiken bescherte das, mitten im fortschrittsseligen Sputnik-Jahrzehnt, eine Renaissance „nationaler“ Motive – etwa in Litauen, Moldawien, Armenien, geradezu exzessiv in Zentralasien.

Mit diesem Spannungsfeld war eine Kernfrage der Sowjetforschung berührt, weshalb einige Referenten statt von nationalen lieber von lokalen Architekturen sprachen. Wohl weil ein folkloristisch, erst recht ein klimatisch begründbarer „Regionalismus“ weniger verfängliche Antworten bietet. Allerdings weckt solcher Begriffswechsel auch Assoziationen zu einem ähnlich gelagerten Fall der Baugeschichte: Waren am Konflikt zwischen globaler Verheißung und lokalem Anspruch nicht schon die CIAM zerbrochen?

„Unbekannte Geschichten“ versprachen die vier KuratorInnen mit ihrem Projekt. In der Tat haben sie unter dem Stichwort „Sowjetmoderne“ ein Riesenpanorama kultureller Vielfalt enthüllt und einem ahnungslosen Westen unglaublich phantasievolle Bauten gezeigt. Zweifellos ein wichtiger Schritt, damit, wie es im Katalog selbstbewusst heißt, „die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben werden kann“.

Veröffentlicht in: werk, bauen + wohnen (Zürich) Nr. 1-2/2013