Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Delirium neureichen Übermuts. Foto: W. Kil


Terrain großer Hoffnungen

Warschau boomt auch ohne Europameisterschaft. Jedenfalls diesseits der Weichsel, in der westlichen Stadthälfte, seit altersher Ort für Regierung, Handel und Kultur. Auf der anderen Seite, im Stadtteil Praga, richten sich alle Hoffnungen auf das neue Nationalstadion: ein gewaltiges Ufo, das am wilden Ostufer gelandet ist. Ein Reisebericht.

Unlängst wurde auf diesen Seiten die Renovierung des Warschauer Zentralbahnhofs gewürdigt. Die polnischen Staatsbahnen PKP, so war dort zu lesen, wären sich des kulturellen Wertes dieser „architektonischen Perle“ gar nicht bewusst und hätten den frisch renovierten Bau sogleich schamhaft mit Werbepostern verhüllt – wogegen die Architekten öffentlich protestierten, was zum Sieg baukultureller Vernunft geführt habe (Bauwelt 13/2012). Wer Warschauer Alltag kennt, dem wird die Unsitte des Verhüllens indes bekannt vorkommen – ist doch hier kein Bau ab einer gewissen Größe vor Verhängung gefeit. Von der „Ostwand“ bis zur zentralen Kreuzung Marszałkowska/Jerozolimskie verschwinden regelmäßig die einst stolzen Ikonen der Nachkriegsmoderne hinter gigantischen Reklametableaus. Im MDM, dem aufwändig sanierten Ensemble des Sozrealismus, bewahrt nicht einmal der Denkmalstatus Mieter, Büroangestellte oder Hotelgäste vor trübem Dasein hinter textilverspannten Fenstern. Auch wenn Skeptiker immer wieder argwöhnen, hinter den Bilderplanen sollen ungeliebte Architekturen allmählichem Vergessen anheimfallen: Hier geht es um Geld, um nichts weiter.

Beim Zentralbahnhof nahm die Affäre nun eine überraschende Wendung: Auf den offenen Brief der Architekten hin wurden empörte Bürger aktiv. Sie richteten ihren Protest aber nicht an die Bahn, sondern via Facebook direkt an jene schwedische Bekleidungskette, deren Werbefahnen den frisch erglänzenden Bau umflatterten. Die war es schließlich, die den Rückzug antrat und der Architektur zu ihrem gebührenden Auftritt verhalf.

Im freiheitlich-neoliberalen Überschwang war in Polen Stadtplanung als Aufgabe kommunaler oder staatlicher Ämter für verzichtbar erklärt worden. Doch im so eröffneten Feld freier Interessenkollisionen können sich eben auch „Betroffene“ durchsetzen – wie zuvor schon im Fall des Hotels Intercontinental, dessen vierziggeschossiger Turm den Bewohnern eines mitten in der neuen Downtown übrig gebliebenen Wohnblocks jeden Sonnenstrahl auf ewig verstellt hätte. Um ihr Projekt zu retten, schnürten die Investoren die untere Hälfte ihres Turms diagonal um fast die Hälfte ein und fingen die nun gefährlich überkragende obere Hälfte mit einem unendlich langen Stelzenbein ab: Ein groteskeres Denkmal für nachbarschaftlichen Konsens ward lange nicht gesehen.

Downtown im Überbietungsrausch
Unter Profis kämpft man mit anderen Bandagen. Was in New York nicht gelang, macht Warschau möglich: In dessen Himmel darf Daniel Libeskind seine Signatur einschreiben, und wie von ihm zu erwarten, wird es kein klassisches Hochhaus, eher eine Skulptur: ein recht schmächtiger Turmkörper von einer sphärischen Schale umfangen, die an einen Schiffsbug denken lässt oder ein Wappenschild. Am Rohbau waren die geschossweisen Versprünge des Traggerüsts gut zu erkennen, lauter eindrückliche Beweise für den kompromisslosen Formwillen des Meisters. Dabei ist Libeskind gar nicht der erste, der hier, zwischen Zentralbahnhof und Platz des Ghettogedenkens, von braver Tektonik nichts hält. Die ganze Emilia-Plater-Straße entlang tanzen und taumeln die Bürokisten wie im Delirium neureichen Übermuts. Diese buchstäblich „schrägen Vögel“ sind Teil eines Konzepts: Sie sollen den Kulturpalast, der jahrzehntelang das Panorama Warschaus dominierte, durch Umzingelung neutralisieren. Konnte man Stalins Machtgeste schon nicht durch Abriss verschwinden lassen, so soll sie doch wenigstens im Rudel weiterer „Himmelsstürmer“ verblassen. Bislang schlug die Strategie eher ins Gegenteil aus, denn Lew Rudnews Neoklassizismus behauptet sich zwischen all den banalen Versicherungs- und Hoteltürmen jüngeren Datums recht vorteilhaft. Auch Libeskind würde mit atektonischer Extravaganz allein gegen den Moskauer Kollegen nichts ausrichten, doch rückt er dem einstigen Solitär so respektlos nahe, dass er die eben noch klar lesbare Silhouette der Downtown verwischt. Ein trauriger Sieg, der da gegen ein ungeliebtes Erbe errungen wurde. Spötter monieren, dass nach dem aufdringlichen „Geschenk“ des Sowjetdiktators es heute wiederum fremde Mächte sind, die sich in Polens Metropole Denkmäler setzen. Da aber, wie Jakub Szczesny hier bereits klagte (Bauwelt 15-16/2012), bei Renditen von dreihundert Prozent selbst der Himmel keine Grenze mehr setzt, wird einen Steinwurf weit neben Libeskinds Appartement-Tower schon am nächsten Rekordhalter betoniert. Vom Dach des Wolkenkratzers an der Twarda-Straße soll dann, glaubt man dem Bauschild, der Kulturpalast wie ein Gartenzwerg wirken. Architekt des neuen Höhenwunders ist Helmuth Jahn.
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Seitenwechsel
Es ist schwer, sich in Warschau an historischen Baustilen zu orientieren. Westlich der Weichsel sind nur wenige Gebäude der systematischen Zerstörung durch die deutsche Wehrmacht entgangen. Trotzdem vermochte ein ehrgeiziger, undogmatischer Aufbauwille, neben der pittoresken Altstadt ein wahrlich urbanes Kontinuum europäischer Stilepochen zu reproduzieren, dem man die Neugeborenheit aus der Nachkriegszeit nur selten ansieht.

Um authentische „Geschichte zum Anfassen“ zu finden, muss man hinüber nach Praga fahren. Wo zwischen rußigen Fabriken die abgelederten Mietskasernen stehen. Wo auf engen Hinterhöfen neben kleinen Marienaltären an Motorrädern geschraubt wird. Wo auf tristen Brachen Markthändler all den Ramsch ausbreiten, der den Hauptstädtern vom Westufer peinlich ist. Praga – das ist „der Osten“, nicht nur als andere Stadthälfte, sondern habituell.

Aber Praga ist auch Terrain großer Hoffnungen. Kaum sickerten in den stark perforierten Gründerzeitvierteln die üblichen Verdächtigen ein, Studenten, Künstler, „Kreative“, stiegen die Grundstückspreise. Doch dem Zugriff des schnellen Geldes stehen unklare Besitzverhältnissen entgegen. Wer die 1990er Jahre in Ostdeutschland erlebt hat, kann sich ausmalen, was für eine Spekulationsblase sich da über dem Proletarierkiez zusammenbraut: Jegliches Bauen kommt zum Stillstand, Verfall beschleunigt sich, trotzdem werden Mieten für Normalverdiener bald unerschwinglich. Leere Häuser nagelt man einfach zu. Alles wartet auf einen Befreiungsschlag.

Den soll jetzt das Nationalstadion bringen. Patriotisch weiß-rot drapiert, ist die ausladende Korbfigur weithin sichtbar, besonders gut aber von der noblen City: Endlich, so darf man hier deuteln, haben Fortschritt und Zivilisation auch da drüben Fuß gefasst – selbst wenn in lauen Nächten am wilden Ostufer noch die Lagerfeuer brennen. Natürlich wurde die Standortfrage anders entschieden: Die aus leichten Masten und Seilen konstruierte Arena thront auf dem alten Warschauer Stadion „Dziesięciolecia“ (dt.: „Zehnter Jahrestag“). Das war ein riesiger ovaler Erdwall aus den Trümmermassen der Innenstadt, der nur wenig genutzt, dafür ab 1990 als größter Basar Osteuropas berühmt wurde. So dankbar die Stadtväter dem Wettbewerbssieger Volkwin Marg (in ARGE mit JSK Architekci und Schlaich Bergermann und Partner) für die Idee des Draufsetzens waren, so unerbittlich forderten sie dann, bei den Bauarbeiten das alte Stadion möglichst gar nicht anzutasten – aus Pietät gegenüber womöglich dort mitverschütteten Opfern der Krieges.

Die eigentliche Erfolgsidee des Neubaus wird wohl erst nach dem EM-Sommer an die Öffentlichkeit dringen: Dies ist eine Multifunktionsarena, in der man unter anderem auch Fußball spielt. Dank Seilnetzdach und beweglichem Membransegel offen oder geschlossen nutzbar, lässt ein massiver Boden unterm Wechselrasen neben Popkonzerten sogar Veranstaltungen mit schwerer Technik, also Motorshows zu. Und dann sind da, hinter den steilen Sitzrängen, 20.000 Quadratmeter vermietbarer Fläche für Büros und Konferenzen, mit eigenem Catering und, je nach Lage, direktem Fensterblick vom Schreibtisch aufs Spielfeld! Wie es heißt, sind alle Flächen schon vergeben.

Von solcher Geschäftigkeit ermutigt, liegen Pläne für eine Business-Zone gleich hinter dem Stadion natürlich vor. Doch je visonärer, desto aussichtsloser, denn Pragas Zukunft hängt nicht von noch mehr Investorengeld ab, sondern von einer Klärung der Besitzrechte im Bestand. Und wenn die dann nicht kontrolliert, d.h. in kleinen Schritten erfolgt, wird jede erhoffte Sanierung krasse Gentrifizierung bewirken. Man möchte dringend den Blick zur Partnerstadt Berlin empfehlen – am Prenzlauer Berg haben sie das gerade durch.

Veröffentlicht in Bauwelt Nr. 20/12
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