Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

IBA-Terrassen Großräschen 2008, Foto: W. Kil


Inseln besonderer Freiheit

Mit Bauausstellungen nach neuen Wegen suchen

(Auszüge)

IBA Emscher-Park – Neues Denken am Epochenrand
Behutsamkeit: So lautete der Wendebegriff, der sich im gesellschaftlichen Bewusstsein einzunisten begann, seit 1972 der Club of Rome mit seinem aufrüttelnden Manifest über die „Grenzen des Wachstums“ an die Endlichkeit unseres Planeten erinnert hatte. Doch damit schien auch das Prinzip Bauausstellung an ein Ende gekommen. Zum ersten Mal hatten die im alten Westberlin entwickelten Strategien für Kreuzberg grundsätzlich infrage gestellt, ob mit „besserem Bauen“ sich die nun anstehenden gesellschaftlichen Probleme überhaupt bewältigen lassen würden – Probleme längst nicht nur sozialer, sondern zunehmend auch ökologischer Art. Und stand die Welt denn nicht vor Umbrüchen ungeahnter Dimension? Begeistert hatten alle früheren Weltausstellungen, Werkbundschauen und auch noch die beiden Berliner IBAs den Fortschrittsdrang des Industriezeitalters gefeiert. Im Verlauf der 1980er Jahre sah man sich plötzlich mit dessen absehbarem Ende konfrontiert.

Für Deutschland hatte es im Ruhrgebiet begonnen: „Als gegen Mitte der zweiten Jahrhunderthälfte der bittere Stolz des Reviers in sich zusammenzufallen begann, [...] als unendliche viele Menschen ihre generationenlang gewohnte Arbeit verloren, als damit ihr Selbstbewusstsein beschädigt wurde und das begann, was man Identitätskrise nennt, da wurde die fortan alles bestimmende Vokabel geboren: Strukturwandel.“[1] Nur allzu gern verbarrikadierten sich Wissenschaftler wie Politiker hinter dem unscharfen Begriff, während im Schatten verlassener Fördertürme, erkalteter Hochöfen und stillgelegter Walzstraßen deprimierende Realitäten um sich griffen. Das Zechensterben verwandelte unendlich viele Flächen in verwildernde Brachen. Unkonventionelle Ideen waren gefragt. Und wieder setzte eine Landesregierung aufs Experimentieren, wählte als Instrument dafür eine IBA. Doch anstatt enthusiastischer Leistungsschau oder avantgardistischer Trendparade hieß die Aufgabe jetzt Schadensbegrenzung, Ermutigung. Nicht eine einzelne Stadt bedurfte neuer Orientierung, diesmal war eine ganze Region auf der Suche nach neuem Sinn.

Neuen Sinn hofften die Vordenker der IBA Emscher Park nicht zuletzt im Stolz auf eine ehrbare Vergangenheit zu finden. Dazu waren allerdings ganze Wertesysteme kulturell neu zu besetzen. „Wohl fiele es keiner Stadt und keinem Land ein, verlassene Schlösser abzureißen. Aber eine Kokerei? Ein stählernes, Rost ansetzendes Monstrum, das wie ein Industrieleichnam wirkt, gespenstisch in seiner Verlassenheit? Schön?“ Man muss es als das bleibende Verdienst der Ruhrgebiets-IBA würdigen, dass sie nicht, wie zuvor üblich, in trotziger Fortschrittseuphorie sonnigen Zukunftsideen anhing, sondern zuerst einmal nach Herkünften fragte, nach dem gemeinsamen Erbe einer Region und den Identitäten, die sich daraus speisten. Sie begann damit, die „unerkannten Schönheiten“ des Reviers ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, um sie dann „nach Kräften für neue Inhalte nützlich zu machen, um uns und denen, die nach uns kommen, die Geschichte der Arbeit anschaulich zu erhalten: Vergangenheit, die man besichtigen kann.“[2] Indem sie der von vielen Menschen gering geachteten Maschinenwelt der Gruben und Fabriken eine neue, positive Aufmerksamkeit widmete, begann die IBA Emscher Park sich an den ökonomischen wie sozialen Verwerfungen abzuarbeiten, die die jetzt anstehende Epochenwende der Globalisierung mit sich bringt. Es ging um Lagebeschreibung, um neue kulturelle Deutungen, um soziale Aushandlungen, künstlerische Experimente. Politiker, Planer und nicht zuletzt auch die direkt betroffenen Menschen mussten überhaupt erst einmal begreifen, welche Auswirkungen das Ende des Industriezeitalters für ihre Region haben könnte. Das schiere Übermaß an Brachen und Industrieruinen rief das neue Leitbild der „Behutsamkeit“ geradezu auf den Plan, und folgerichtig begann sich das Schwergewicht der IBA-Aktivitäten zur Neunutzung vorhandener Baulichkeiten hin zu verlagern. […]

Unter dem Banner Industriekultur hatte die IBA Emscher Park gezielt die globale Perspektive gewählt: Ihr Thema waren der ökonomische und soziale Wandel, der in aller Welt zum weitreichenden Umbau der bisherigen Industriegesellschaften führt. Ein für alle Beteiligten entscheidender Lernprozess, denn in der Auseinandersetzung mit der realen Lage, mit dem vorhandenen Bestand drang die Ruhrgebiets-IBA überhaupt zur eigentlichen Dimension ihres Auftrags vor: Für die Bewältigung einer Epochenwende würde es nicht reichen, lediglich Phantasiemodelle und Wunschszenarien für neue Lebensweisen zu entwerfen. Stattdessen war ein möglichst behutsamer Umgang mit jener Welt zu finden, die das gerade zu verabschiedende Zeitalter zurückgelassen hat. Recycling, das Prinzip der Wiederverwendung, war auch als ästhetische Antwort gemeint auf die – seit 1972 geforderten – Normen und Moral einer ökologischen Vernunft.


IBA Lausitz – Pläne schmieden im Status des Ernstfalls
„Anfangs dachte man noch, dass, wenn die eine Industrie gehe, eine andere kommen werde“, erinnert Manfred Sack an die noch lange herrschende Stimmungslage im Ruhrpott, „ein Irrtum, dem man viel später nach der Vereinigung Deutschlands auch in Ostdeutschland noch einmal aufgesessen ist.“[3] Das „Revier“ der Ostdeutschen aber war die Lausitz, die vormalige Energieregion der DDR. Auch hier hatte eine Ära hemmungsloser Produktivität ein Ende gefunden. Wo unlängst noch Bagger gerasselt, Schlote gequalmt, Kühltürme gedampft hatten, dräuten plötzlich Industrieruinen. Arbeitslosigkeit, Sinnkrise, Abwanderung bestimmten das soziale Klima.

Vor allem in der Anfangsphase der IBA Lausitz ist auf die konzeptionelle Verwandtschaft mit der vorangegangenen Veranstaltung im Ruhrgebiet immer wieder gern verwiesen worden. Doch im ausgepowerten Braunkohleland war keine zweite IBA Emscher Park beabsichtigt, sondern in gewisser Weise deren nächste, und zwar verschärfte Stufe. Denn die Folgen des Umbruchs von 1989 in der Lausitz ähnelten dem Strukturwandel des Ruhrgebiets allenfalls tendenziell. Vollkommen unvergleichlich war insbesondere die Radikalität, mit der im Osten Deutschlands die abrupte Deindustrialisierung ganzer Landesteile in Kauf genommen wurde – einschließlich der Infragestellung fast aller bis dahin existierenden sozialen und kulturellen Gerüste. Alarmierte Sozialforscher warnten sogar, dass ohne strukturpolitische Gegensteuerung kaum noch „die Transformation der wirtschaftlichen Basis, sondern deren Erosion“[4] zu erwarten sei.

Auf die Lausitz mit ihrer weithin auf Braunkohle und Energieerzeugung ausgerichteten Monostruktur[5] traf diese Diagnose in besonderer Weise zu. Allein in den Tagebauen verloren zwischen 1989 und 1997 rund 85 Prozent der vormals Beschäftigten, das sind über 60.000 Kumpel, ihren Arbeitsplatz. Dass hier nicht nur ein umweltbelastender Energierohstoff massiv zurückgedrängt, sondern zugleich eine enorme technologische Modernisierung vollzogen wurde, zeigt sich besonders eindrucksvoll am 1998 fertiggestellten (und damals modernsten) Braunkohlekraftwerk Europas in Schwarze Pumpe, das eine Bausumme von dreieinhalb Milliarden Mark verschlang, dafür aber im rollenden Schichtbetrieb nicht einmal 200 Leute benötigt, die Kantinenfrauen und den Werkschutz schon eingerechnet.

Während das westdeutsche IBA-Projekt mit seinen vergleichsweise enormen materiellen Reserven[6] sich als großangelegtes Planungsexperiment unter vielerlei Absicherungen einer Laborsituation verstehen durfte, ging es in der Lausitz nicht um das Erproben dieser oder jener Art von Zukunft, sondern vom ersten Tage an buchstäblich um die Existenz. Dem verstädterten, bevölkerungsreichen und nachwievor finanzstarken Ballungsraum zwischen Duisburg, Bochum und Recklinghausen stehen durchaus noch manch andere Optionen künftiger Entwicklung offen. Der dünn besiedelte Landstrich zwischen Cottbus, Finsterwalde und Kamenz dagegen droht nach dem Ende seines rund hundert Jahre währenden „Kohlerauschs“ ziemlich übergangslos in den status quo ante zurückzufallen, in das strukturschwache und von weiterer Abwanderung gezeichnete „Hinterland“.

Von Karl Ganser, dem Direktor und maßgeblichen Vordenker der IBA Emscher Park, stammt die Ermutigung, sich von solch verzweifelter Ausgangslage besonders motiviert zu fühlen: Im Grunde funktioniere eine IBA überhaupt nur, wo es einer Region so richtig schlecht geht, denn nur dort sei man bereit, ausgetretene Pfade zu verlassen. […]


Die IBA als Ausnahmezustand
Seit unerschrockene Planer sich auf die desolaten Verhältnisse realer Krisenregionen eingelassen haben, hat der Begriff Bauausstellung eine neue Bedeutung angenommen. Ob im kaputten Berlin-Kreuzberg, ob an den verwildernden Ufern des Emscherkanals, in den massiv schrumpfenden Klein- und Mittelstädten Sachsen-Anhalts oder in den auf neue Sinngebung wartenden Folgelandschaften des Braunkohlereviers – überall dort ging es auf eingefahrenen Gleisen nicht weiter. Deshalb sollten (bzw. sollen) IBAs nicht nur neue Einsichten, sondern ganz wesentlich neue Verfahrenswege eröffnen, und dies nach einem stets wiederkehrenden Schema: Innerhalb eines definierten Zeitraums, in der Regel für zehn Jahre, werden alle erreichbare Kreativität und Fördermittel gebündelt, um hochkomplexe gesellschaftliche Problemstellungen im Großversuch und ergebnisoffen zu bearbeiten. Der Erfolg solcher Erkenntnissuche durch Praxis (Learning by doing) hatte sich rasch herumgesprochen. „Der erforderliche Einsatz an fachlichem und persönlichem Engagement, an finanzieller Ausstattung, politischem Rückhalt und bürgerschaftlicher Initiative ist nur dann zu erwarten, wenn von Anbeginn klar ist: Eine IBA ist ein Ausnahmezustand auf Zeit. Sie wird nur durch Konzentration der intellektuellen, künstlerischen und finanziellen Kräfte auf einen überschaubaren Zeitraum möglich.“[7]

Neben der außergewöhnlichen Mobilisierung von Geld und Geist geht es aber noch um andere Ausnahmezustände – nicht nur in der Zeit, auch im Raum. IBA ist inzwischen auch eine Chiffre für Experimentalregion. Dabei muss man das „Format Ausstellung“ in gewisser Weise als eine Ausweichreaktion betrachten. Das im deutschen Grundgesetz enthaltene Gebot gleichwertiger Lebensverhältnisse schließt institutionelle oder territorial definierte Großversuche, etwa Sonderwirtschaftszonen, hierzulande weitestgehend aus. Einer solchen (nicht immer förderlichen) Gleichbehandlung sämtlicher Landesteile setzen IBA-Unternehmungen nun ein regional eingegrenztes Besonders-Sein entgegen. Auf solchen vielleicht nicht durchweg realen, aber immerhin gefühlten „Inseln erweiterter Handlungsfreiheit“ können Partner und Akteure, im Sinne einer eingeschworenen Expeditionsmannschaft, ihre noch ungekannten Möglichkeiten erkunden, und sei es nur in Bezug auf gesetzliche Regelungen oder berufliche Kompetenz. […]

An „erweiterter Handlungsfreiheit“ konnten Politiker und Planer in der Lausitz Anfang der 1990er Jahre, also in der unmittelbaren Nachwendezeit, schon allerhand finden. In der unbeschreiblichen Hektik der ersten Vereinigungsphase herrschten vielerorts „noch weithin ungeregelte Zustände, was für unkonventionelle Ideen und pragmatische Lösungsansätze eindeutig förderlich war“.[8] In dem Maße, wie sich die Standards und Regelsysteme der alten Bundesrepublik in den Neuen Bundesländern verfestigten, nahmen die Ausnahmezustände, und damit die kreativen Entscheidungsfreiräume bald rapide ab. Mit den damals gerade euphorisch gefeierten Erfahrungen aus der Ruhrregion vor Augen, lag es also nahe, nun auch das „Prinzip IBA“ nach Ostdeutschland zu importieren – und zwar als Begleitung des milliardenschweren Braunkohle-Sanierungsprogramms. Dieses aus Steuermitteln getragene Programm stellt in Gestalt der Sanierungsgesellschaft LMBV ja selber „eine Art institutionalisierter Ausnamezustand“ dar, allerdings „mit unklarem Zeithorizont, denn der verschob sich im Verlauf der Arbeiten immer weiter nach hinten“.[9] Eine so geschickt eingefädelte Finanzierungskonstruktion, wie sie in der Aufteilung zwischen Bundes- und Landesmitteln für die IBA Lausitz schließlich gefunden wurde, „wäre heute nicht mehr möglich – das war ein einmaliges historisches Fenster“.[10]

Die Interventionen der IBA Lausitz sollten, so die Verwaltungssprache, eine „Erhöhung der Folgenutzungsstandards“ bewirken. Aus Tagebaulöchern einfach nur Badeseen mit rutschungsfesten Ufern machen, das war der Landespolitik, den Sanierungsbehörden, vor allem aber den unmittelbar betroffenen Landkreisen zu wenig: „Wir wollen Landschaft sichern, aber dabei auch Heimat herstellen, also neben der Sicherheit Attraktivität der Region erreichen, regionale Wertschöpfungsketten, Erholungs- und Kulturmöglichkeiten.“[11] Die Probleme, das wurde schnell klar, waren bei weitem nicht nur geotechnischer, sondern immer wieder gesellschaftlicher Art: Wie kommt eine armselige Wald-, Sumpf- und Heidelandschaft nach knapp hundert Jahren exzessiver Energiewirtschaft zu einer Perspektive jenseits der industriellen Monostruktur?


Was bleibt
Als realer oder wenigstens mentaler Ausnahmezustand kann eine IBA während ihrer Laufzeit tatsächlich gewisse Freiheitsgrade gewähren. Doch genau dieses Ausweichmanöver beschwört dann aber auch die Risiken beim Finale herauf: Das große, wenn nicht gar das entscheidende Problem an den „neuen IBAs“ ist die Rückkehr in den Normalzustand. Es werden wenige spektakuläre Baulichkeiten hinterlassen, dafür hochgespannte Erwartungen und – wenn alles gut gelaufen ist – ein paar neue Praktiken und Gepflogenheiten. Es gab Kostproben für neue Lebensmöglichkeiten, die fortan auch ohne Hilfestellung von außen eingelöst werden sollten.

Auch hierbei muss an das Ende der IBA Emscher Park 1999 erinnert werden, wo vor allem jene Einzelprojekte schnell einbrachen, die allein durch besondere Fürsorge der IBA-Gesellschaft aufrecht gehalten worden waren. Die „Stunde der Wahrheit“, so unkten Kritiker, schlägt garantiert „am Tag nach dem Abschlussfeuerwerk“. Die Landesregierung von NRW hat dieses Problem rasch erkannt, sie hat zügig für förderfähige Nachfolgestrukturen und neue Events gesorgt.[12] Auch das während der IBA bewährte Konzept attraktiver Kulturleuchttürme (Folkwang Museum und Zeche Zollverein in Essen, Innenhafen Duisburg) wird mit beträchtlichem Förderaufwand weitergeführt.

Im Vergleich dazu kann die Lausitz nicht mithalten. Was sich hier in den letzten zehn Jahren am nachhaltigsten verändert hat, sind die Wasserspiegel der gefluteten Tagebaue. Das immer noch im Entstehen begriffene Seenland ist im neuen Bewusstsein der Lausitz schon angekommen; man darf gespannt sein, wann und wie die so nachhaltig veränderte Geografie bis hinüber zu den böhmischen und schlesischen Nachbarn Wirkung zeigt. Die IBA-Terrassen hingegen, die Slawenburg Raddusch, die Biotürme Lauchhammer, die Landmarke Lausitz oder ein paar schwimmende Häuser, die sich als allgemein erkennbare IBA-Resultate genauso in die Landschaft eingetragen haben, sind gering an der Zahl, vor allem weit in der Region verstreut. Kein Zweifel: Hier wurden Entwicklungsimpulse von vornherein bescheidener gesetzt. Ein überwältigendes Erfolgsprojekt wie die F60, die bereits heute doppelt so viele Besucher anzieht wie der schon länger etablierte Bergbau-Museumskomplex im sächsischen Knappenrode, darf die Maßstäbe nicht verzerren: Im Einzugsbereich zwischen Dresden und Berlin sind nicht annähernd solche Besucherzahlen zu erreichen wie im metropolitanen Großballungsraum zwischen Dortmund und Köln.[13]

Hinzu kommt, dass für manche der Lausitzer Projekte die Zeit zur „Ausreifung“ einfach nicht gereicht hat. Da müssen nun Übergangslösungen her. „Das ist wie bei einem alten Haus“, sagt die Planungsexpertin. „Zuerst wird mal das Dach gesichert, dann kann man wieder etwas warten. Solche Notsicherungen werden jetzt für einige IBA-Projekte gebraucht, etwa beim Kraftwerk Plessa, wo man den Verein stützen muss, bis ein verlässlicher Investor kommt. – Wenn man nur zehn Jahre Zeit hat, sind simple Bauprojekte manchmal einfacher, weil berechenbarer.“[14] Der Sprecher der Sanierungsgesellschaft zieht die Bergbaufolgelandschaften im Süden Leipzigs in den Vergleich: „Die Sachsen haben stark auf Privatinitiative gesetzt, und Leipzig/Halle als naher Metropolraum erzeugt offenbar genügend Investitionsdruck für die dortigen ‚Neuen Ufer‘. In der Lausitz fehlt dieser Druck. Zudem stand ja außer Tourismus kaum ein wirkliches Projekt ‚neuer Wertschöpfung‘ auf der IBA-Agenda. Man hat sich stärker um die ‚Köpfe‘ der Lausitzer gekümmert als um Wirtschaftsförderung.“[15]

War es also tatsächlich als Programm zu verstehen, dass die Gründerväter der IBA Lausitz ihr großes Umbauexperiment nach Fürst Pückler, dem Romantiker und notorischen Schwarmgeist, benannten? Mit viel Enthusiasmus hat die IBA sich einige Leuchtturmprojekte geleistet, doch als eigentliches Bewährungsfeld hat sie sich schließlich die Lausitzer selbst vorgenommen. Wie rüstet man Menschen, die seit drei, vier Generationen Stolz und Ehrgeiz der Bergbaukultur verinnerlicht haben, mit neuem Selbstwertgefühl für eine wahrscheinlich postindustrielle Zukunft aus? „Die Spuren unseres Tuns wird man vor allem in den Köpfen der Leute hier suchen müssen“, so IBA-Direktor Rolf Kuhn noch am Abend der großen Abschlussgala.

Vielleicht ist das gar nicht so wenig?


Epilog
Um ehrlich zu sein: Auch ich hatte lange Zeit erwartet, dass die IBA Lausitz nach Formen neuen Wirtschaftens sucht. Doch welche Projekte auch immer der Öffentlichkeit präsentiert wurden, ob die neu entstehende Seenplatte zu einer Wassersport- und Ferienlandschaft aufgerüstet wurde, Dorf und Schloss Fürstlich-Drehna sich in ein träumerisches Romantik-Resort verwandelten, die F60 als Besuchermagnet alle Erfolgserwartungen weit übertraf – immer wieder lief es dann doch auf Tourismus hinaus, auf jene Strategie also, die dem Soziologen Wolfgang Engler zufolge „dem Niedergang der klassischen Industriegesellschaft offensichtlich wie ein Schatten folgt“. Die von Last und Leid industrieller Produktivität befreiten Liegenschaften erst einmal als „Raum der Freiheit“, also zum Genuss anbieten: Das war Kern der „Industriekultur“- Idee im Ruhrgebiet, und das war zentrales Anliegen der „Neuen Landschaften“ für die Lausitz. Ob und in welcher Form die dem Moloch Braunkohle entrissenen Ländereien neuen Produktivitätserwartungen unterworfen würden, das herauszufinden haben zehn Jahre „Ausnahmezustand“ offenkundig nicht gereicht. Nimmt man dann noch das eher zaghafte Herantasten an Fragen neuartiger Energiegewinnung – z.B. die Kurzumtriebsplantagen auf den Trockenkippen von Welzow – wächst der Eindruck, dass es der IBA um ein anderes Wirtschaften gar nicht so sehr ging, als vielmehr um das Zurechtkommen mit den ohnehin waltenden, und keinesfalls geringen ökonomischen Kräften. Der Epochenwandel findet ja seinen Pfad, auch die Lausitz wird eher nicht den Waschbären und Wölfen überlassen.

Auf welch eindringliche Weise diese IBA sich den Bewohnern ihrer Region zugewandt hat, machten schließlich die sieben großen Inszenierungen des Finales deutlich. Im „Paradies 2“ wurden Besucher von außerhalb, ob Politiker, neugierige Experten oder Journalisten, buchstäblich zu Zaungästen einer riesigen Familienfeier, die die Lausitzer mit sich und für sich veranstalteten, im Sinne einer kollektiven Selbstvergewisserung: Mal schauen (und zeigen), was aus uns geworden ist.

Wer offiziellen Finalprogrammen nicht traut, der soll ruhig nun, im Nachhinein, den von der IBA ausgelegten Spuren folgen. Mir jedenfalls hat sie imponiert, die längst abgeklärte Professionalität, mit der ehemalige Grubenkumpel heute ihre F60 als Superattraktion vermarkten. Unendlich beeindruckt hat mich die adrett frisierte Langzeitarbeitslose, die gegen alle Widrigkeiten deutschen Ämterwesens Tag für Tag Besucher durch das Schaukraftwerk Plessa führt. Mit wenigen Mitstreiterinnen im örtlichen Förderverein sorgt sie ehrenamtlich, also ohne jede Bezahlung für ein Weiterleben dieses so enthusiastisch gestarteten und irgendwann steckengebliebenen Großprojekts der Lausitzer Industriekultur – immer in der Hoffnung auf den doch noch eines Tages auftauchenden Investor: „Hier sind so viel Kraft und Geld reingesteckt worden, soviel Mühen und Hoffnungen. Das darf nicht alles umsonst gewesen sein.“ Und nichts vermag solch erstaunliche Begegnungen besser zu erklären als jenes wirklich weise Motto, das die neuen Betreiberinnen des einstigen Ausstellungscafés auf den IBA-Terrassen an ihre Wand geheftet haben: „Willkommen in der Zwischenzeit.“


veröffentlicht in: IBA Fürst Pücklerland (Hrsg.): Verwundete Landschaft neu gestalten. Die IBA-Werkstatt in der Lausitz. Berlin 2012, S. 117-128


Anmerkungen
[1] Sack, Manfred: Siebzig Kilometer Hoffnung. Die IBA Emscher-Park - Erneuerung eines Industriegebiets. Stuttgart, 1999, S. 275.
[2] Ebd. S. 8/9.
[3] Ebd. S. 23.
[4] Hannemann, Christine: „Schrumpfende Städte in Ostdeutschland – Ursachen und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wachstum“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bonn 28/2003, S. 19.
[5] Weitere Produktionszweige, wie die regionaltypische Glas- oder Ziegelindustrie, waren aufgrund ihrer Rohstofflage unmittelbar von der Braunkohleförderung abhängig.
[6] „Die IBA Emscher Park umfasste 118 Projekte. Ausgegeben wurden insgesamt etwa fünf Milliarden Mark. Ein Drittel davon wurde privat investiert, zwei Drittel kamen aus den Förderprogrammen des Landes NRW und der EU sowie aus den Kassen der Kommunen und Verbände. [...] Die IBA selbst hatte kein Geld zu verteilen, aber sie wusste, wo es sich organisieren ließ.“ (Sack, a.a.O. S. 276)
[7] Durth, Werner: „Braucht Berlin eine Internationale Bauausstellung?“ In: Der Tagesspiegel, Berlin, vom 28. 6. 2011.
[8] Schneider, Kathrin, heute Abt.-Leiterin Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg, im Gespräch am 23. 9. 2011.
[9] Steinhuber, Uwe, Pressesprecher der Sanierungsgesellschaft LMBV, im Gespräch am 26. 9. 2011.
[10] v. Bismarck, Friedrich, zit. in André Brie & Alexander Schippel: Lausitz – Landschaft mit neuem Gesicht. Petersberg 2011, S. 22.
[11] Ebd.
[12] Gemeint sind hier die „Regionalen“ als Fortsetzung staatlich moderierter und geförderter Entwicklungsplanung sowie das Festival „Europäische Kulturstadt 2010“ für die gesamte Ruhrregion.
[13] In ihren Wirtschaftlichkeitsszenarien rechnete die IBA Emscherpark sogar mit Besuchern aus dem Großraum zwischen Rotterdam und Basel.
[14] Schneider, Kathrin, a.a.O.
[15] Uwe Steinhuber, a.a.O.