Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

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Neuland

Wo die Menschen davonlaufen, verlieren selbst Grund und Boden alle Heiligkeit

Über eine Million Menschen sind seit der Grenzöffnung aus dem Osten Deutschlands in den Westen gezogen. Skeptische Demographen rechnen mit 8,6 Millionen Ostdeutschen im Jahr 2050, was grob gerechnet auf eine Halbierung der Bevölkerung seit 1990 hinausliefe und damit auf ein vollkommen anderes Land, als das uns bisher vertraute. Schon jetzt laufen einige ländliche Regionen regelrecht leer, geradezu dramatisch in der Uckermark, in Vorpommern, in der Altmark und der Lausitz. In diesen traditionell dünn besiedelten Landstrichen war zu DDR-Zeiten mit Industrieansiedlungen und hochtechnisierter Agrarwirtschaft massive Strukturförderung betrieben worden. Nun stellt ein sich selbst überlassener Markt den Status quo ante wieder her, die im vorindustriellen Schattendasein dahindämmernde Arme-Leute-Gegend. Leipzig, Dresden, Jena, Weimar und Eisenach gelten als Inseln der Stabilität, dazu die Ostseeküste und der Speckgürtel von Berlin. Überall sonst breiten sich Wohnungsleerstände aus, die städtische Existenzkrisen heraufbeschwören. Für manche der noch nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Industrie-Neustädte wie Hoyerswerda, Halle-Neustadt, Wolfen oder Schwedt fällt die Diagnose schon jetzt einschneidend aus: Sie sind schlicht überflüssig geworden.

Ein Zeitalter geht zu Ende

Auch wenn seit Jahren der „Stadtumbau Ost“ mit seinen staatlich subventionierten Häuserabrissen die öffentlichen Debatten bestimmt, hilft es nicht sonderlich, den Bevölkerungsschwund Ostdeutschlands ausschließlich aus der Perspektive der unter Druck geratenen Wohnungswirtschaft zu betrachten. Es geht hier um weiter reichende Richtungsentscheidungen, denn zu vermuten ist, dass wir es mit deutlichen Signalen einer Epochenwende zu tun haben, deren Ausmaße sich nur schwer abschätzen lassen. Wie Gabor Steingart unlängst beschrieb (siehe SPIEGEL Nr. 37/2005), zieht sich die klassische Industriearbeit gerade massiv von den Kontinenten ihrer Entstehung zurück. Zumindest für uns Europäer wird es höchste Zeit, den „Industrialismus“ als ein historisches Phänomen zu begreifen, das nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende kennt.

Zur Erinnerung: Die „Industrielle Revolution“, eine vor allem europäische Errungenschaft, hatte die bis dahin agrarischen Gesellschaften des Kontinents bis zur Unkenntlichkeit umgekrempelt. In nie gekannter Zahl wanderten Menschen aus ländlichen Regionen in die neuen Ballungszentren. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg hat vermutlich jeder zweite Deutsche im Rahmen einer reichsweiten Binnenwanderung irgendwann seinen Geburtsort verlassen, um an anderer Stelle Arbeit und neue Heimat zu suchen. Das gesamte Siedlungsgefüge jener Zeit wurde in einem recht brutalen Prozess aus seiner feudalzeitlichen Beschränktheit gerissen und der neuen Produktions- und Konsumwelt angepasst.

Alte Residenzen und behäbige Bürgerstädte verwandelten sich in laute, schmutzige, aber begehrte Metropolen der Fabrikarbeit. Rückständige und verschlafene Dörfer begannen zu städtischen Agglomerationen auszuwuchern, beschauliche Flusstäler und sumpfige Niederungen füllten sich mit Schloten, Zechen, Montagehallen und Arbeiterwohnkasernen. Unter den wehenden Bannern des technischen Fortschritts vollzog sich nichts geringeres als ein Generalumbau sämtlicher Verhältnisse – in Wucht und Wirkung allenfalls den gewaltigsten Katastrophen vergleichbar, die ganze Kontinente bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt und neu aufgeschichtet hinterlassen. Wieso hoffen wir eigentlich, am Ausgang jenes Zeitalters glimpflicher davonzukommen?

Überflüssige Räume

Wo die Geschäfte blühten, blühten die Gemeinwesen. Aber auch Stagnation und Niedergang haben sich im Bild der Städte und Siedlungen abgezeichnet. Schrumpfung als Symptom industrieller Wandlungsprozesse ist weder ein neues noch ein speziell ostdeutsches Phänomen. Als Krise der Montan- und der Textilindustrie gibt es hierfür viele, zum Teil berüchtigte Vorbilder in Mittelengland, Belgien, in den aufgegebenen Schwerindustrieregionen im Norden der USA. Wer gleich hinter Saarbrücken ins Lothringische fährt, kann dort ehemalige Bergarbeiter- und Stahlkochersiedlungen besichtigen, die Haus für Haus aufgelassen werden. Erst durch Migranten besetzt, dann im Leerstand ruiniert, am Ende wächst schlicht Gras über ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte.

Neu – und deshalb besonders dramatisch – ist am Fall Ostdeutschland die nun erreichte Bandbreite der „Überflüssigkeit“: Nicht nur ein bestimmter Industriezweig oder eine bestimmte Produktart, also weder bloß Bitterfelder Braunkohlenchemie, Mansfelder Kupferbergbau, Zeitzer Kinderwagen oder Lausitzer Glas, sondern nahezu das gesamte Erwerbsspektrum einer weit ausgefächerten Industriegesellschaft stand mit der Auflösung der DDR-Planwirtschaft zur Disposition. Dieses Verschwinden der produktiven Basis muss früher oder später auf die sozialräumlichen Strukturen der betroffenen Regionen durchschlagen. Nach anderthalb Jahrhunderten stetiger Anpassung an die Zwänge und Bedürfnisse einer komplex entwickelten Produktionsweise kommt diesen Strukturen – in die nachindustrielle Leere gestürzt – ihr Daseinssinn abhanden. Der Frankfurter Soziologe Klaus Ronneberger hat das auf eine recht schlüssige Formel gebracht: „Der Kapitalismus erzeugt eine geografische Landschaft, die für eine gewisse Zeit dem jeweiligen Entwicklungsmodell entspricht, um sie dann im nächsten Zyklus zu zerstören.“

Das Verschwinden der klassischen Industrien wird uns also zwangsläufig einen Umbau unseres gesamtgesellschaftlichen Gefüges bescheren. Wo sich Wirtschaftsstrukturen ändern, strukturieren sich auch die dazugehörigen Räume neu. Neue Kraftzentren und Innovationskerne bilden sich heraus, neue Hinterhöfe entstehen. Die Globalisierung organisiert nicht nur die Waren- und Finanzströme der Weltwirtschaft neu, sie erzeugt auch neue „Peripherien“, also benachteiligte Gebiete, die sich neuerdings auch inmitten weiterhin funktionstüchtiger Wohlstandsregionen ausbreiten können.

So gesehen wird Ostdeutschland zum exemplarischen Fall, lässt sich hier doch allerhand lernen über das Schicksal von Regionen, die für globalisierte Wirtschaftskreisläufe ganz offensichtlich uninteressant geworden sind. Sie haben jenen gefürchteten Status erreicht, den der Soziologe Manuel Castells „funktionale Irrelevanz“ nennt. Was heute bereits für Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts gilt, könnte nach der düsteren Prognose des Demographen Franz Xaver Kaufmann demnächst deutschlandweit passieren: „Das flache Land entvölkert sich, nur die Regionen um die Großstädte bleiben attraktiv und müssen den Unterhalt für den Rest der Republik erwirtschaften. Immobilienkapital entwertet sich in großem Umfang, die Binnennachfrage stagniert. Die öffentlichen Haushalte sind nicht mehr auszugleichen, ihre Kreditwürdigkeit sinkt.“ Welche politischen und sozialen Weiterungen daraus entstehen können, klingt höchst alarmierend: „Zunehmende Verarmung, Abwanderung, soziale Unruhen, neue extremistische Parteien, kollektiver Vertrauensverlust, vielleicht auch kollektive Erstarrungserscheinungen.“

Mehr Markt oder mehr Staat?

Schrumpfungsregionen müssen die Brutalitäten des weitgehend ungesteuerten gesamtökonomischen Strukturwandels ausbaden. Die davon Betroffenen stehen Tag für Tag dringlicher vor der Frage, warum man als aktiver, mobiler und ehrgeiziger Mensch in einer hoffnungsarmen Gegend bleiben soll, in der der Einzelne auf die allgemeinen Verlustbilanzen keinerlei Einfluss mehr hat und berufliche Perspektivlosigkeit sich dauerhaft zu verfestigen beginnt. Die betroffenen Regionen beginnen regelrecht zu verdorren: Erst schließen Bahnhöfe, Bank- und Postfilialen, dann Kitas und Schulen, Arztpraxen und Supermärkte. Der öffentliche Nahverkehr wird solange ausgedünnt, bis sein gänzliches Verschwinden kaum noch jemand auffällt. Wenn die letzte Kneipe aufgibt, bricht aller noch aktivierbare soziale Zusammenhalt auseinander. Wenn dann die Tankstelle als Zuflucht aller Alltagsbedürfnisse übrig bleibt, soll man sich nicht wundern, dass immer mehr und gerade junge Menschen nur noch eines denken: Nichts wie weg!

Aber es sind nicht nur heruntergelassene Rollläden, zugemauerte Bahnhöfe oder verfallende Bushaltestellen, die vom zermürbenden Niedergang einer Region künden. Sinkende Steuer- und Transfereinnahmen reißen immer katastrophalere Löcher in die öffentlichen Budgets. 3.000 Euro pro Jahr gehen deutschen Kommunen mit jedem Abwanderer verloren. In Hoyerswerda etwa, wo alljährlich 1.500 bis 2.000 Einwohner abwandern, macht allein dieser Exodus die Stadtkasse Jahr für Jahr um zweieinhalb bis dreieinhalb Millionen Euro ärmer. Irgendwann unterschreitet eine Bevölkerungszahl die magische Grenze, dann werden aus Großstädten plötzlich Mittelzentren, mit entsprechend geringeren Zuweisungen aus dem Gemeindefinanzausgleich. Und während betriebswirtschaftliche Logik gebietet, an „abrutschenden“ Standorten schlecht ausgelastete Theater, Kinos, Orchester, Jugendclubs zu schließen und Sozialprojekten die Förderung zu streichen, wird deren integrierende und kulturell ausgleichende Funktion um so dringender gebraucht, je weiter sich die sozialen Netze ausdünnen.

Inzwischen weiß jeder Kämmerer, dass schrumpfende Städte pro Kopf gerechnet immer teurer werden, je mehr sie sich entleeren. Und diese Gelder werden von niemandem einzuwerben oder anderweitig zu „verdienen“ sein. Sie bleiben Aufgabe der öffentlichen Hand. Die allerdings neigt neuerdings immer öfter dazu, alle verbliebenen Fördermittel auf sogenannte Wachstums-Cluster zu konzentrieren und die übrigen Kommunen bzw. Regionen ihrem Schicksal zu überlassen. Mit allen Risiken dann zu erwartender Verwilderung, wobei da nicht so sehr an die Vegetation, als an die sozialen Zustände gedacht sein soll. Wer wie im Land Brandenburg inzwischen nach dem Motto „Stärken stärken“ handelt, muss wissen, dass No-go-Areas am ehesten dort entstehen, wo sich politisches Interesse und Engagement aus sozialen Räumen zurückziehen.

Diese leichtfertige Preisgabe ganzer Regionen scheint einem verbreiteten Wahrnehmungsmuster geschuldet. Während es bei allen Diskussionen über zukunftstaugliche Wirtschafts- und Gesellschaftsformen stets um die Kreativen und Durchsetzungsfähigen, also um die Gewinner geht, wird den Verlierern des epochalen Wandels selten die nötige Aufmerksamkeit zuteil. Sie werden allenfalls als Versorgungsfall oder potenzielles Sicherheitsrisiko zum Thema. Dabei wächst die Zahl der Menschen, die ihr Leben lang mit zunehmend prekären Verhältnissen zurechtkommen müssen, unaufhaltsam. Das Bild von der „Zweidrittelgesellschaft“ tröstet nicht mehr: Auf der Suche nach auskömmlichen Lebensverhältnissen jenseits traditioneller Industriearbeit ist die Menge der Zurückbleibenden längst keine zu vernachlässigende Größe mehr.

Sozialwissenschaftler wie Franz-Xaver Kaufmann gehen davon aus, dass Bevölkerungsrückgänge „der Verschärfung sozialstaatlicher Verteilungskonflikte und der Verfestigung sozialer Ungleichheit Vorschub leisten“, mithin eine deutliche Zuspitzung regionaler Ungleichheiten zu erwarten ist. Hinzu kommt in strukturschwachen Regionen der gefürchtete Brain drain. Dieser Exodus speziell der Aktiven und Ausgebildeten (und unter diesen wiederum ganz besonders der Frauen) dürfte die ökonomisch abgehängten Räume auf Dauer nachhaltiger prägen als das Gewinnen oder Ausbleiben vereinzelter Investitionen. „Die abnehmende Fähigkeit einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung zur Partizipation dürfte in vielen Regionen zur Krux der künftigen Entwicklung werden“, befürchtet der Leipziger Soziologe Dieter Rink. „Gerade in schrumpfenden Kommunen und Regionen ist die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit am größten – der Problemdruck aber auch.“

Und ausgerechnet an die Übriggebliebenen ergeht dann der Appell, doch bitteschön gemeinschaftlich aktiv zu werden, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Sie sollen sich „selbst ermächtigen“ und als Zivilgesellschaft bewähren. „Je desolater die gesellschaftliche Situation, desto eindringlicher wird die Freisetzung der Subjekte in die eigene Verantwortung betrieben“, hatte die Leipziger Kuratorin Barbara Steiner für die Ausstellung „Schrumpfende Städte“ notiert und die darin mitschwingende zynische Komponente angeklagt, „weil die Verantwortung eines möglichen Scheiterns an die Subjekte selbst delegiert wird.“

Gerade das Beispiel Ostdeutschlands zeigt eindrucksvoll und sehr konkret, dass es um Selbsthilfekräfte in schrumpfenden Regionen eher schlecht bestellt ist. Und nicht einmal auf den Markt dürfen sie allzu innig hoffen. Das Abrutschen ganzer Ländereien aufzuhalten, wird nach dessen reiner Lehre nicht gelingen. Mit abnehmender Kundendichte und sinkender Kaufkraft verlieren Landschaften und Orte jede Attraktivität. Privates Investitionsvertrauen in die betroffenen Regionen ist schnell zusammengebrochen. Kredite werden nur noch in Ausnahmefällen, in den besonders abgehängten Randregionen bald gar nicht mehr gewährt. Die Banken haben da ein untrügliches Sensorium: Wo die Menschen davonlaufen, verlieren selbst Grund und Boden alle Heiligkeit.

Strikt am Markt orientierte Privatinitiative kann mit unrentierlichen Dingen, wie etwa dem Denkmal-, Tier- oder Naturschutz, wenig anfangen. Auch der geordnete Rückzug aus bestehenden Strukturen, das ersatzlose Aufgeben von Räumen sind Vorgänge ohne Gewinnaussichten. Selbst im Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) keimt daher die Überzeugung, angesichts der speziellen Mechanik von Schrumpfungsprozessen müsse „zumindest ergänzend auf andere als Marktressourcen gesonnen werden“.

Solche Beschreibung der Zustände läuft auf eine derzeit wenig populäre Forderung hinaus: Zur Bewältigung von Schrumpfungsvorgängen wird nicht weniger, sondern mehr Staat gebraucht. Dabei geht es nicht um mehr oder besser gerüstete Polizeistreifen, sondern um Rahmenbedingungen, die ein Dasein und Handeln in marktfernen Landschaften unterstützen. Das betrifft zum einen die Garantie menschenwürdiger Mindeststandards für all jene, die von den gravierenden Wandlungsprozessen am schwerwiegendsten betroffen sind. Zum anderen – dies lehren Katastrophen wie Jahrhundertfluten deutscher Flüsse oder Hurricans im Golf von Mexiko – werden in Krisensituationen legitimierte und handlungsfähige Steuerungsinstanzen gebraucht.

Auch wenn neoliberaler Zeitgeist nicht müde wird, auf dem Gegenteil zu insistieren: Die Organisierung der anstehenden Rückzugsprozesse, dieser unumgängliche Abschied von der Illusion immerwährenden Wachstums, bleibt ein politisches Projekt.

Neuland zu denken versuchen

„Gehwege nach DIN-Norm, aber kaum noch Einwohner. Aufwendige Haltestellen ohne Buslinien. Gewerbegebiete als beleuchtete Schafweiden.“ Nach Meinung des Wirtschaftsjournalisten Hans Thie hat nichts der ostdeutschen Entwicklung in den zurückliegenden Jahren so sehr geschadet wie die „bedingungslose Anwendung des bundesdeutschen Rechts- und Ordnungsrahmens, die nahezu jedes kreative Experiment verhinderte.“ Diese Analyse hat es schwer, in einer breiteren Öffentlichkeit Akzeptanz zu finden, denn um viele, vor allem regional wirkende Schrumpfungsprobleme offensiv als Fantasie forderndes politisches Projekt anzugehen, hat sich ein Hinderungsgrund bislang als besonders hartnäckig erwiesen: das im deutschen Raumordnungsgesetz fixierte Gebot zur Gewährleistung gleichartiger – anstatt „gleichwertiger“ – Lebensbedingungen im ganzen Land.

Doch geplagt von schlechtem Gewissen räumen Planungsexperten zunehmend ein, dass immer mehr Standards für sogenannte „Regionen im Hinterland“ schon jetzt nicht mehr zu halten sind. „Damit stellen wir möglicherweise einen der Grundsätze unserer Zivilisation auf den Kopf“, gab die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung noch 2004 ängstlich zu bedenken. Die gute Absicht sei erkannt, doch mit Verlaub: Irgendwann wirkt übertriebene Unschuld auch kokett. Ist es nicht eher die crashartige Deindustrialisierung mit massenhafter Dauerarbeitslosigkeit, die unsere Zivilisation auf den Kopf zu stellen droht? Und gehört Disparität der Verhältnisse nicht längst zur Alltagserfahrung? Was im traditionellen Nord-Süd-Gefälle der alten Bundesrepublik einst sanften, aber unaufhaltsamen Anfang nahm, hat sich seit der Vereinigung im Ost-West-Kontrast immer schroffer zugespitzt. Nun, da zur Milderung sich verschärfender Ungleichheiten offenbar weder Bereitschaft noch ausreichende Mittel vorhanden sind, bleibt eigentlich nur die Flucht nach vorn. Warum nicht Disparität als Chance?

Doch bitte diesmal als Chance für die eigentlichen Betroffenen. Denn Versuche, die darniederliegenden ostdeutschen Länder aus dem Gleichheitsgebot herauszumanövrieren, gab und gibt es ohne Unterlass. Allerdings haben bisherige Deregulierungsansätze und Öffnungsklauseln namentlich im Feld von Arbeits- und Sozialrecht hauptsächlich eines im Visier – die Niedriglohnregion – und nur ein Motiv: gewerbliche Produzenten für den unverdrossen beschworenen Aufschwung anzulocken. Unter den anwesenden Bewohnern hat diese Art von „Besonderheit“ allerdings eher zu wachsender Unbeliebtheit ihrer Orte und zu weiterer Abwanderungslust beigetragen. Wie also könnten regionale Privilegien sonst noch beschaffen sein, um das Ansehen einer Gegend zu stärken und so die Lust zum Bleiben anzuregen, gar Zuwanderungslust zu wecken? Vielleicht sollten hier zusätzliche Freiheiten winken? Eine Frage, der jeder einmal entsprechend seinen ganz persönlichen Freiheitsbedürfnissen nachgehen darf: Halbierung der Mehrwertsteuer? Kabelanschluss und Internet frei Haus? Öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif? Kneipen ohne Polizeistunde? Angeln ohne Angelschein? Auch „negative Freiheiten“ können attraktiv sein, also Auflagen und Restriktionen, für deren Einhaltung sich dann „Belohnungen“ maßschneidern ließen: Regionale Handelsnetze mit festen Quoten und Rabatten für heimische Produkte und wirksame Kreislaufprozesse; Öko-Regionen, in denen Haushalte, analog dem Prinzip der Emissionszertifikate, für nachgewiesenen Einsatz erneuerbarer Energien Steuervorteile bzw. Prämien kassieren. Oder wie steht es mit dem besseren Leben an sich? In förmlich deklarierten Experimentierzonen könnten alle möglichen Versuche selbstbestimmten Zusammenlebens und Wirtschaftens (Kooperativen, Tauschringe, lokales Geld usw.) mehr als nur geduldet, nämlich förderpolitisch wohlwollend begleitet werden. Und da in immer dünner besiedelten Landesteilen die herkömmlichen Strukturen lokaler Politik und Verwaltung sich irgendwann selbst infrage stellen, sind neue Wege der Interessenregulierung (nach innen) wie Interessenvertretung (nach außen) zu entwickeln – welche Chance, mit vorerst noch relativ Wenigen, aber Freiwilligen sich endlich einmal in direkter Demokratie zu üben!

Dass man im Osten auf Dauer mit anderen Lebensverhältnissen als im Westen rechnen muss, kann eine schlechte Nachricht doch nur für diejenigen sein, denen der Westen, so wie er ist, als gesellschaftliches Nonplusultra erscheint, als Zielhafen aller Bedürfnisse und ultimative Daseinsnorm. Bei allen anderen müsste die neue Devise der „Ungleichheit“ doch eher Neugier wecken: Ob sich daraus nicht was machen ließe? Wenn es gelänge, die derzeit so gefürchteten „Resträume der Verlierer“ als Zonen mit utopischem Potenzial zu entdecken und anzueignen, wo Orte für soziale und gestalterische Experimente, vielleicht für ein weniger entfremdetes Leben zu finden sind, dann könnte das so lange Unaussprechliche, dieses Herausfallen ganzer Landesteile aus den ökonomischen Verwertungszyklen, plötzlich in anderem Lichte erscheinen: „Warum in den nicht mehr systemisch integrierten Räumen nicht neuen Sinn entdecken, Lebensqualität und Abenteuer?“ fragt die Berliner Historikerin Simone Hain. „Sollte man den Scouts und Pionieren, die dort im retardierenden Zukunftsland an den inneren Peripherien auf die ‚Rückkehr der Wölfe‘ warten, nicht jede Art von Anreizen geben, die Auflassungsarbeiten im Interesse des Weltklimas auf das Gewissenhafteste zu übernehmen?“

Welch neue Töne! So frei von Angst, so voller Zuversicht kann über Schrumpfung reden, wer das noch kaum vertraute Phänomen als Aufforderung zum Experiment begreift. Wie Inken Baller und Heinz Nagler von der TU Cottbus, die für entleerte Regionen erwarten, „dass Bodenwerte und Regelungsdichte niedriger sein können als in hochverdichteten Räumen. So können Freiräume und Milieus entstehen, die die Risikobereitschaft für das ideologiefreie Aufgreifen von Tabuthemen erlauben (z.B. Müllverarbeitung, Hanfanbau, Verschenken von Land etc.) und die attraktiv sind für Menschen mit alternativen Lebensentwürfen.“ Mit solchen und ähnlichen Überlegungen werden New Territories entworfen, in denen eine tatendurstige Minderheit sich den Zukunftsfragen am Ende des Industriezeitalters lebenspraktisch stellt. Und die dafür vom mehrheitlichen Rest alimentiert zu werden verdient: Warum den Scouts im nachindustriellen Brachland verwehren, was seit Jahrzehnten jedem Bauern Westeuropas zusteht, der nach Brüsseler Planvorgabe seinen Acker nicht bestellt: eine „Stilllegungsprämie“!

Vielleicht sollte man, um den Rückzug aus der Wachstumswelt als erstrebenswertes Gesellschaftsprojekt zu etablieren, die Argumentation einfach umdrehen: Nicht immer nur über die Kosten und Verluste sprechen, die die vom Umbruch besonders drangsalierten Orte und Landschaften unentwegt verbuchen, sondern auch einmal Freude über das „Mehr“ wecken, über den freien Raum, der hier schließlich zu gewinnen ist: Freiraum für Ideen, die dringender denn je gebraucht werden, aber auch für neue Akteure, die auf solche noch nie dagewesene Gelegenheit nur gewartet haben.

Wir sollten endlich anfangen, die „Neuen Länder“ wirklich als Neuland zu denken.
 

veröffentlicht in: SPIEGEL SPEZIAL Nr. 8/2006