Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Foto: Maurice Weiss, Ostkreuz


Eine Haltung zur Wirklichkeit, die uns verbindet

Laudatio zur Verleihung des Konrad-Wolf-Preises der Berliner Akademie der Künste
an OSTKREUZ – Agentur der Fotografen am 20. Oktober 2013


Unser aller Bildgedächtnisse sind voll von großartigen Fotografien, die uns womöglich ein Leben lang begleiten, die auch bei der Wiederbegegnung nach Jahren einen noch immer aufs Neue fesseln und/oder erschauern lassen.

Auch auf die Gefahr krassester Ungerechtigkeit hin will ich hier eine solche Fotografie beschreiben. Sie zeigt den Kopf, besser noch: das Gesicht eines blonden Jungen, der aus der Mitte des Bildes heraus irgendetwas voller Hingabe verfolgt. Da wir im Moment nicht wissen, welche Szene da eine so starke Emotion bei ihm hervorruft, steht es uns frei, über den Jungen selbst zu räsonieren: Vermutungen anzustellen über sein Alter, seine Herkunft, den Zeitpunkt der Aufnahme. Für dieses Räsonieren gibt es – über unsere Lebenserfahrung und Phantasie hinaus – eine einzige, kleine Hilfestellung: Es ist das Coverfoto eines Bildbandes, und am linken unteren Bildrand ist der Buchtitel einkopiert: OSTZEIT.

Wie mir die Herausgeber des Buches erzählten, hat der Verlag sich gegen dieses Titelbild mit Händen und Füßen gesträubt. In ihrem Stuttgarter Vorort waren die Marketing-erfahrenen Verlagsprofis felsenfest überzeugt, dass ein Fotoband über den „Osten“ ohne einen Trabi auf dem Umschlag einfach nicht geht… Soweit die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte: Das OSTZEIT-Buch, vor vier Jahren erschienen, wurde zum meistverkauften Fotografie-Titel des profilierten Kunstverlags. Natürlich, weil die Bildserien drinnen im Buch alle hielten, was die Ikone auf dem Umschlag versprach. Aber eben auch, weil die Fotografen sich von den Verkaufsstrategen nicht haben unterbuttern lassen. Weil sie ganz unerschütterlich auf die Qualität und die Kraft ihrer Bilder vertrauten.

So gut geht es der Fotografie nicht immer.

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Nun trage ich seit drei Jahren noch eine andere Erinnerung an eine große fotografische Unternehmung mit mir herum, die mich aus den verschiedensten Gründen nicht mehr loslässt.

In solch dramatischem Rahmen wohl nie und nirgends wiederholbar, hatten die achtzehn Fotografen von OSTKREUZ die damalige Adresse der Galerie c/o, genauer: die geschundenen Raumfluchten des alten Berliner Postfuhramtes, mit ihrer Kunst geflutet. Und diese grandiose Bilderschau beginnt – zumindest, wenn man das dazugehörige Buch in die Hand nimmt – mit einem Kreidestrich in der chinesischen Wüste. Auf kahlem Steppenboden zeigt er an, dass hier, mitten in der Inneren Mongolei, jetzt eine Planstadt für eine Million Menschen aus dem Boden gestampft werden soll. Ein archaisches Zeichen, das an den ersten Schöpfungstag der Bibel denken lässt.

Von wegen „Ende der großen Erzählungen“! Mit geradezu biblischer Wucht hatten die OSTKREUZler ihr Projekt entworfen, dann haben sie über drei Jahre hinweg Städte rund um den Planeten besucht und ihre Eindrücke – von Ushuhaia, Las Vegas, Reykjavik, Auroville, Gaza-City oder Manila – zu sehr persönlichen Bildessays verdichtet. Aufträge irgendwelcher Redaktionen gab es dazu nicht. Die 18 Enthusiasten wollten ihrem Publikum zeigen, was an Welt-Erfahrungen und Welt-Ansichten sie zusammenhält. Und einander wollten sie sich vergewissern, was sie denn nun gemeinschaftlich zustande bringen.

Ihre große Ausstellung „Die Stadt – Vom Werden und Vergehen“ (samt Buch) hatten sie jenem nicht genau feststellbaren Tag im Jahr 2008 gewidmet, seit dem weltweit mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land. Einem globalen Schicksalstag also, den die OSTKREUZ-Fotografen ernst genug nahmen, um sämtliche Register ihres Metiers zu ziehen – von der rasanten Reportage über eindringliche Kulturstudien bis zum konzentrierten Porträt. Doch nicht weniger schwer wog noch ein anderes Motiv: Mit diesem ehrgeizigen Projekt feierten sie auch ein Jubiläum – das zwanzigste Jahr des Bestehens ihrer Agentur. Zwanzig Jahre, und immer weiter (inzwischen sind es ja schon dreiundzwanzig) – das bedeutet schon eine eigene, belangvolle, „buchenswerte“ Geschichte.

Wer sind sie nun, die die Akademie heute zu würdigen gedenkt?

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Die Berliner Agentur OSTKREUZ wurde 1990 von sieben Fotografen gegründet, die in der freien Fotografenszene der DDR bereits einen Ruf erworben hatten. Während sich um sie herum gerade ihr Land auflöste, hatten sie, in Erwartung einer übermächtigen Konkurrenz aus dem Westen, den wilden Mut zu einem Überlebensprojekt. Ihre Bilder sollten nicht nur – wie bis dahin überwiegend – kunstsinnige Galeriebesucher erfreuen. Sie sollten sich im nun auch für den Osten geltenden, harten Mediengeschäft behaupten. Nicht, dass sie als Profis vorher keine Erfahrungen sammeln konnten mit Redaktionen und deren – in aller Regel sehr bestimmten – Vorstellungen von Meinungsbildung und Welt-Anschauung; doch die Art zu arbeiten, erst recht die Tricks und Routinen, um mit den eigenen Angeboten überhaupt wahrgenommen zu werden, waren doch entschieden anders. Da hielten sie es lieber mit der alten Devise: Gemeinsamkeit macht stark.

Sie waren ehrgeizig und durchsetzungsfähig, vor allem jedoch: Sie waren einfach gut. Ihre Themen waren gefragt, ihre Art, zu sehen und zu berichten, kam an. Rasch rückten sie in die Spitzenklasse vor, kannte man sie in den Redaktionen der Welt. Aus anfänglich sieben sind heute 18 Mitglieder geworden. Manches hat sich verändert im Laufe der Jahre (auch in der Zusammensetzung der Gruppe), doch vom Gründungsimpuls geblieben ist vor allem dieser Zusammenhalt unter Gleichberechtigten und der unbedingte Vorsatz, „über alles Kommerzielle hinaus immer Autorenfotografen zu sein“ (W. Mahler).

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Denn das war er doch, jener Traum, der sie für ihre Profession überhaupt brennen ließ: Fotografie als künstlerisches Medium zu bewahren. Dazu gehört, die qualitativen wie die moralischen Ansprüche an das eigene Tun immer aufs Neue zu klären, im Gespräch unter Gleichgesinnten, unter Freunden womöglich… „Das Urteil eines Auftraggebers ist wichtig, aber entscheidend ist das Urteil der Kollegen.“ Ein Satz, den ich mir einmal von Sibylle Bergemann notierte; inzwischen weiß ich, dass er genauso gut von jedem anderen aus diesem Kreis gesprochen sein könnte.

Diese Verbundenheit in der Arbeit wie im gegenseitigen Vertrauen hat mich an den OSTKREUZlern – auch in ihren verschiedenen Zusammensetzungen – immer am meisten fasziniert. Oder besser noch: Es hat mir imponiert. Noch aus den fernen Gründungstagen sind mir die nächtelangen Diskussionen gewärtig, dieser regelrechte Hunger auf die Meinung der Kollegen, und ich habe genau den erst vor einer Woche wieder erfahren, als wir im Sitzungsraum der Agentur beisammen saßen – nix Repräsentation, eher Baubuden-Feeling. Jemand hatte Marmorkuchen mitgebracht, selbstgebackenen.

Anschließend habe ich mir ihren gemeinsamen Blog angeschaut und darin Sätze gefunden, die ich in solch emotionaler Verbindlichkeit nicht erwartet hätte: „Uns geht es um eine Haltung zur Wirklichkeit, die uns verbindet“, kann man da lesen. „Wir entwickeln gemeinsam Ideen, unterstützen uns oder verbringen einfach nur Zeit miteinander. Keiner kennt einen OSTKREUZ Fotografen und seine Arbeit so gut wie ein anderer OSTKREUZ Fotograf.“ Da reden welche darüber, wie glücklich sie sind, „endlich nicht mehr alleine vor sich hin zu arbeiten, sondern eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die denselben Ehrgeiz, dieselben Ziele wie er verfolgt.“ Auch der letzte Satz ist ein Zitat aus dem Blog. Wo Konkurrenz oder gar Auftragsneid in der Szene umgehen, erstarren Gespräche schnell zur Förmlichkeit. Mit OSTKREUZlern dagegen wähnt man sich rasch im vertrauten Rund eines Küchentischs. (Und nicht nur wegen des Marmorkuchens!)

Ist es das also, was gemeint war und ist, wenn bei ihrem Logo im Untertitel bis heute zu lesen steht: Agentur der Fotografen ? Diese Benennung war nie eine Formalie, sondern vom ersten Tage an ein Bekenntnis: Ja, wir haben Vorbilder, die wir bewundern, an denen wir unsere Arbeit messen wollen. Und wenn schon messen, dann natürlich an Magnum ! Die 1947 von David Seymour, Robert Capa und Henry Cartier-Bresson in Paris gegründete „fotografische Bruderschaft“ gab und gibt seit ihrem Anbeginn weltweit die allerhöchsten Maßstäbe vor. Zu deren Konsens gehört, dass sie ihre Bilder nicht einfach an Auftraggeber abliefern, sondern sie so lange wie irgend möglich im Verwertungsprozess unter Kontrolle zu halten suchen. (Hier sei an die Geschichte mit dem Buchtitel OSTZEIT erinnert.) Genau in diesem Sinn wollte, genauso will OSTKREUZ keine seelenlose Bilder-Bank sein, sondern eine Art „Bildermacher-Familie“. Eine Familie, in der sich wohl alle irgendwie durchschlagen müssen, als künstlerische Individuen ebenso wie als vom Finanzamt argwöhnisch kontrollierte Steuerbürger. Aber neben den verschiedenen kreativen Solopfaden sind alle auch – jederzeit und verlässlich – einem Unternehmen verbunden: ihrem „Familienunternehmen“.

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Die OSTKREUZ-Fotografen sind mit Bedacht an ihre Sache gegangen, haben erst professionelle wie künstlerische Erfahrungen gesammelt, sich nur sporadisch als Gruppe an die Öffentlichkeit gewagt, probeweise. Dann aber, nach zwanzig Jahren, schien die Zeit endlich reif, um aus dem Schatten der „Überväter“ herauszutreten. Es scheint mir ein wichtiges Indiz für die unwiederholbare Eigenart von OSTKREUZ, dass sich dieser wichtige Auftritt, diese Zäsur in einem Doppelschritt vollzog.

Da haben zuerst – im Jahr 2009 – die bis dahin verbliebenen fünf Gründungsmitglieder mit „OSTZEIT“ noch einmal Einblicke gewährt in ihre fotografischen Œuvres aus dem „ersten Leben“. Noch einmal DDR-Wirklichkeit! Wunderbare Einzelbilder, die hier – teilweise zum ersten Mal – als komplette Serien ausgebreitet wurden. Dass die Fünf damit für sich und ihre Generation ein Resümee zu ziehen versuchten, dass es sich hier also auch um eine Art Abschied handelte – Abschied von einem vertrauten Selbstbild oder auch dem inzwischen abgenutzten Nimbus einer „typischen Ost-Fotografie“ – dass wurde dann ein Jahr später vollends klar. Da hatte das ganze, inzwischen merklich größer (und jünger!) gewordene Agenturkollektiv mit der „STADT“-Ausstellung dem Begriff OSTKREUZ-Fotografie sowohl inhaltlich wie auch ästhetisch neue Horizonte abgesteckt. Man muss, was da passiert war, nicht gleich „Neugründung“ nennen. Und ihnen zu bescheinigen, sie wären „endlich in der neuen Zeit angekommen“, würde im Grunde bedeuten, ihnen ihre Geschichte davor als Last vorzuhalten. Aber Geschichte hat sich nun einfach mal weitergedreht. 23 Jahre sind fast ein Vierteljahrhundert! Vielleicht trifft ja für das, was OSTKREUZ da mit vollem Risiko an sich vollzog, jener Modebegriff aus der Medienwelt doch ziemlich genau: ein Relaunch.

Wo so viel von Zäsur und von Wandel die Rede ist, sollen aber auch Kontinuitäten Erwähnung finden, grundlegende Gemeinsamkeiten. Denn wir dürfen einer neuen OSTKREUZ-Fotografie so viel zutrauen, weil sie sich von wichtigen Überzeugungen und Erfahrungen ihrer Gründergeneration eben nicht verabschiedet hat. Egal, ob das in anderen Kreisen als naiv oder gutgläubig gilt – sie halten an der aufklärerischen Hoffnung fest. Ihre Botschaften sollen verlässlich sein.

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Vielleicht ist dieser Verweis auf Kontinuitäten die beste Gelegenheit, doch noch einmal auf einen Bildbeitrag konkret einzugehen. Als sollte da eine Brücke bleiben zwischen den beiden so wichtigen Ausstellungen, als sollte von der verhaltenen OSTZEIT wenigstens eine Reminiszenz noch hinüber reichen in den lauteren, bunteren, auch verstörenden Trubel des globalen Städte-Reigens – so will mir im Rückblick Sibylle Bergemanns Beitrag zum „STADT“-Projekt erscheinen. Es war die letzte Sequenz dieser großartigen Fotografin, die am 1. November 2010, also vor fast genau drei Jahren gestorben ist. Wer Sibylle Bergemanns Werk ausführlicher kennt, oder wer einfach nur bereit ist, sich auf die Sprache dieser durch und durch poetischen Fotografie einzulassen, der wird in jener leisen Bilderreihe noch einmal alle charakteristischen Motive aus Sibylles Œuvre finden. In der Auswahl und Zusammenstellung aber grundiert vom Wissen um den nahen Tod. Wir gehen wohl nicht fehl, in dieser Berlin-Serie einen Abschiedsgruß zu sehen. Ein Vermächtnis – adressiert nicht zuletzt an die Kollegen und Freunde ihrer „Bildermacher-Familie“.

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Abschließend noch eine Beobachtung, wie sie Kritikern typischerweise gefällt: Da kursiert –nicht nur unter Fotografen – seit unendlicher Zeit die Sentenz, „ein Bild sage mehr als tausend Worte“. Irgendwie zutreffend, allerdings jämmerlich abgedroschen. Um wieviel mitteilsamer muss dann aber erst die Bildgeschichte werden, die kritisch ausgewählte und mit Bedacht arrangierte Foto-Serie, in der ein Fotograf seine Hartnäckigkeit, sein Zuhausesein im Thema, Vertrauen und Nähe zum Gegenüber beweisen kann – oder in der sich sein poetisches Vermögen entfaltet. Doch selbst mit solcher Ausdrucksfülle geben sich die OSTKREUZ-Fotografen nicht zufrieden. Das von ihnen inzwischen mehrmals variierte Konzept der thematischen Gruppenausstellung eröffnet ihrem Medium, dem schon so oft als antiquiert geschmähten, womöglich neue Perspektiven: Weltlagen sondieren, Epochenpanoramen entwerfen, um im epischen Sinne zeitgenössisch zu sein.

Da mag ja, zumal unter Absolventen bestimmter Fotoschulen, eine wachsende Unlust zu beobachten sein, sich mit der Kamera auf reale, also auch soziale oder politische Zustände unserer Gegenwart einzulassen. Viele ziehen sich in erratische Innenwelten zurück, oder sie untergraben vorsätzlich, ja mit grimmiger Lust die Glaubwürdigkeit ihrer Bilder durch elektronische Manipulation.

OSTKREUZ setzt dagegen auf etwas, das man im Neusprech wohl „Kernkompetenz des Berufsstandes“ nennen sollte: Auf geschulten Blick. Auf belangvolles Thema. Und auf Hartnäckigkeit. Die Bilder dieser Agentur wollen, ja sie sollen auffallen in der unendlichen Medienflut: Durch kompromisslose Qualität, sagen die Fotografen. Ich würde es gern anders formulieren: Durch aufrechten Gang.


veröffentl. in: PHOTONEWS (Hamburg) Nr. 12/13-1/14